Das Berliner Original

Wie ich zum Radio kam – Teil 5

In Texte on März 13, 2017 at 10:57 am

Musikcassetten waren in der DDR richtig teuer. Für 60 min zahlte man 20 Mark, bei einem Durchschnittsverdienst von 3,50 Mark pro Stunde.20 Mark waren damals mein Taschengeld für einen Monat. Aber die Verwandtschaft aus dem Westen brachte mir immer mal eine Leercassette mit.

Im September 78 begann ich nicht nur meine Lehrausbildung zum Facharbeiterberuf „Wirtschaftskaufmann“ sondern auch meine erste eigene regelmäßige Sendung.

Einmal pro Monat bastelte ich mit einem Handmikro und einem alten Plattenspieler eine 60-min-Sendung auf Cassette zusammen. Die ließ ich dann im Kumpelskreis rotieren und wenn ich sie nach etwa zwei Wochen wieder zurück bekam, bastelte ich erneut.

Die Sendung hieß, sinniger Weise an meinen Nachnamen angelehnt, „a Ganther-Production“.

Im März 79 kaufte ich ein gebrauchtes Mono-Tonbandgerät, ein „ZK 120 T“ aus Polen. Tonbänder waren auch viel billiger. Ein 2-Stunden-Band kostete nur etwa 14 Mark.

Zu meinem 18.Geburtstag im Sommer 79 bekam ich einen Stereo-Plattenspieler.

Im Januar 1980 geschah etwas recht wichtiges. Mein Kumpel Roger und ich hatten im „Palast der Republik“ mal wieder „ein paar Bräute aufgerissen“, als Roger plötzlich zur Toilette entschwand und nicht mehr auftauchte und mich mit den beiden Damen allein ließ.

Endlich zu hause und froh diese Peinlichkeit überstanden zu haben, schrieb ich ihm keinen bösen Brief sondern ich sprach eine Hasstirade vom feinsten per Mikrofon auf ein 45-min-Band, das ich ihm noch an diesem Abend in den Briefkasten einwarf.

Eine Woche später hatte ich dieses Band, auf eine Stunde von ihm Verlängert, als „Dementi“ zurück. Ich machte dann daraus ein 90-min-Band mit einem „Dementi eines Dementi“.

Von da an vertrugen wir uns wieder.

Das war der Start unseres regelmäßigen Bandaustausches.

Roger machte alle zwei Wochen eine 90-min-Sendung unter dem Titel „Paradise of Music“, meine allerdings wöchentliche 90-min-Show hieß in den ersten sechs Folgen noch „Norwegian Wood“ nach einem alten Beatles-Song, ab Folge sechs dann „Saturdaynight – Sundaymorning“ nach einem damals gerade aktuellen Tamla-Motown-Hit, den ich bei Barry Graves gehört hatte.

Jeder hörte sich die Sendung des anderen an, verfasste eine schriftliche, konstriktive Kritik und reichte das Band dann an die anderen unserer Clique weiter. Nach etwa vier Wochen hatte man das erste Band wieder zurück, hatte aber in der Zwischenzeit schon wieder weitere Sendungen produziert.

Das System funktionierte Jahre lang sehr gut.

Dank vieler Überstunden konnte ich mir nach meiner erfolgreichen Lehrzeit im September 80 ein gutes Mischpult (200 Mark) kaufen, das ich noch immer in Reserve habe.

Ich erwarb zeitgleich auch ein Stereo-Tonbandgerät, das legendäre „B 100“ von Tesla aus der Tschechei.

Gut ausgerüstet fuhren wir bis ende 83 immer wieder mal Diskotheken, vor allem in irgendwelchen Kellern in Niederschönhausen, allerdings auch einige male im „Franzz-Club“ im Prenzlauer Berg.

Zu dieser Zeit wurde ich wieder politisch.

Ich hatte nur ein Jahr nach Ende meiner Berufsausbildung beim Großhandelsbetrieb „Wirtschaftsvereinigung Obst-Gemüse-Speisekartoffeln“ meinen Lehrbetrieb verlassen. Als „Wirtschaftskaufmann“ verdiente ich dort nur etwa 420 Mark im Monat. Mir lag im Mai 81 dagegen ein Angebot einer HO-Kaufhalle als „1.Fachverkäufer Obst/Gemüse“ vor, mit 650 Mark pro Monat.

Da kündigte ich bei der WV OGS und fing bei der HO an! Die HO war die staatliche Einzelhandelsorganisation. Daneben gab es noch den „Konsum“ als genossenschaftliche Handelseinrichtung (Muttern klebte ihr halbes Leben lang „Konsum-Marken“ – Rabattmarken!), dann gab es die „Kommissionäre“ die zwar unter eigenem Namen handeln durften, die aber die Waren der HO nur in Kommission nahmen und dann gab es noch ganz wenige, vereinzelte private Geschäfte. In ganz Köpenick gab es 1980 nur noch ein einziges rein privates Lebensmittelgeschäft, „Engelke“, direkt am köpenicker Rathaus.

Im Sommer 82 legte mich eine schwere Lungenentzündung lahm. Viereinhalb Wochen lag ich im Krankehaus Buch, über acht Wochen war ich dann noch zu hause und war schließlich froh, als ich wieder arbeiten durfte.

Ich hatte bei einem meiner Besuche zwecks abgeben der Krankenscheinverlängerung gegenüber meinem Chef geäußert, dass ich ganz gern auch mal wieder etwas in der FDJ machen würde.

Am ersten Arbeitstag nach der Krankheit überraschte man mich mit der Mitteilung, dass man mich zum FDJ-Sekretär der Kaufhalle und somit Herr über 28 Schäfchen, gewählt habe.

Eine dieser neuen Aufgaben bestand darin, in der Arbeitszeit alle zwei Wochen zu einem regelmäßigen Treffen aller FDJ-Sekretäre aller 14 HO-Kaufhallen in Berlin-Lichtenberg zu gehen. Das machte ich dann auch.

Es war immer eine nette und interessante Runde. Tja und man wurde auch zu Veranstaltungen, Diskotheken, Konzerten, Freundschaftstreffen usw. eingeladen, bei denen es immer viel Alkohol zu trinken und viel guten Sex mit noch mehr süßen Frauen gab. Hab damals nichts ausgelassen!

Allerdings begann man auf mich einzureden, doch auch noch in die Partei, in die SED, einzutreten. Man musste, um dort richtig aufgenommen zu werden, erst einmal zwölf Monate als „Kandidat der SED“ seine Fähigkeiten beweisen.

Naja, dachte ich, kannste ja machen und dann in einem Jahr immer noch „nein“ sagen.

Als ich meine Mutter von diesem Beschluss unterrichtete kam von ihr ein: „Du bist nicht mehr mein Kind!“ und über irgendwelche Beziehungen verschaffte sie mir eine Wohnung! … In der wohne ich noch immer, seit März 1983!

Nun, als „Kandidat der SED“ musste ich auch auf Linie gebracht werden. Ich wurde in ein Schulungslager nach Prieroß bei Königswusterhausen …. bei Berlin geschickt. Drei Wochen Ferienlager als bezahlte Arbeitszeit!

War ja auch eine komische Zusammenstellung der Leute. Es nahmen 45 Personen teil, davon waren wir nur fünf Männchen.

Tagsüber Ausbildung in Marxismus-Leninismus, Nachts „wilde Betten“ … manchmal mit vieren gleichzeitig. Mit Anja verlobte ich mich im Jahr darauf, um mich nach einem weiteren halben Jahr von ihr zu trennen. Marina wollte mich indes jahrelang heiraten.

Nach zehn Jahren Funkstille haben wir seit Oktober 2010 nun doch wieder Kontakt zu einander.

Erster Satz von ihr: „Na, ist dein Ringfinger auch noch kahl? Mein Angebot steht noch!“

Jetzt muss ich es mir wirklich mal überlegen!

Durch dieses Schulungslager kamen wir an Karten für die Veranstaltung im Palast der Republik, bei der Udo Lindenberg zum ersten und einzigen mal in der Honecker-DDR auftrat. … eine Tour machte er im Februar 1990 … nach der Ära Honecker.

Will sagen, ich war da einer dieser „Hand verlesenen Jugendlichen“, die ihm da zujubeln durften.

Im Januar 84 verlobte ich mich mit Anja. Aber nachdem ich mitbekommen hatte, dass sie mir nicht treu war, trennten sich unsere Wege im Juli. Gleichzeitig wurde ich „zur Bewährung als angehender Genosse“ in eine andere Filiale in Lichtenberg gesteckt.

Nach nur vier Wochen hatte ich dort einen Nervenzusammenbruch und begann zu trinken. Das machte ich etwa ein dreiviertel Jahr lang, bis ich am 2.Mai 85 meinen Grundwehrdienst bei der NVA antrat.

Bis dahin wechselte ich noch einmal die Filiale und war dann nur noch „Mitarbeiter Warenannahme“.

Auch die SED begann nach Ablauf meiner zwölfmonatigen Kandidatenzeit den Druck auf mich zu erhöhen.

Nach gut fünfzehn Monaten Kandidatenzeit war ich im Januar 85 reif zur Kapitulation. Man lud mich ganz plötzlich in die Firmenzentrale ein. Dort unterhielten sich den ganzen Tag lang, über acht Stunden, nette Leute mit mir. So halt alte Arbeiterveteranen, die oberste FDJ-Chefin der Firma, Leute von der Gewerkschaft, … …

In den letzten beiden Stunden hatte ich ein „Unter-Vier-Augen-Gespräch“ mit den beiden mächtigsten Personen der Firma, mit unserem Parteisekretär und mit dem obersten Direktor.

Ich wurde schon weich, als man mir auf halbem Wege entgegenkam: „Herr Gänsrich, wir wollen Frieden, John Lennon wollte Frieden. Können wir uns darauf einigen?“

Da wackelte ich bereits und beim Nachsatz kippte ich um:

Wenn sie in der Firma aufsteigen wollen, dann müssen sie in die Partei eintreten!“

Im August 1989 wurde ich übrigens in unehren aus der SED wieder hinaus geworfen, weil ich zu diesem Zeitpunkt nicht mehr nur innerhalb der Partei gegen unsere damalige Staatsführung wetterte, sondern da dann schon ganz offen meine Sympathie für die aufkommende DDR-Opposition kund tat.

Bei all dem Ärger, den mir meine Mitgliedschaft in der SED einbrachte, konnte ich mir damals wie heute im Spiegel offen in die Augen sehen!

Während dieser ganzen Zeit, von meiner Entlobung bis hin zur Army machte ich aber weiterhin jede Woche pünktlich meine Sendung. Ich trank in der Zeit oft aus Kummer und war praktisch mindestens jeden zweiten Abend im Vollrausch, aber ich machte meine Sendungen weiter.Eigentlich war deshalb meine Einberufung mit knapp 24 Jahren deshalb ein Glück für mich.

Auch für meine Sendung bedeutete dies eine Zäsur.

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