Das Berliner Original

Wie ich zum Radio kam – Teil 4

In Texte on Oktober 10, 2016 at 10:52 am

Nach unserer Jugendweihe im April 76 gründeten wir Kumpels eine eigene Schulband. Ich hatte keine Geduld darin, Griffe und Noten für die Gitarre zu lernen und spielte statt dessen ein reichlich rumpligesSchlagzeug. Drei Auftritte hatten wir in den noch verbleibenden zwei Schuljahren. Bei einem Stück durfte ich selbst die Lead-Stimme singen, „Stand by me“ in der Version von John Lennon.

Die Band löste sich nach der Schulzeit auf. Die Drumsticks behielt ich. Ein Kumpel machte weiter. Viele Jahre später, im Sommer 95, meldete sich dann plötzlich Bernd bei mir. „Bin völlig ratlos, …. haben einen Gig in Rathenow …. habe keinen Drummer, …. Ersatz kommt erst nächste Woche, …. Kannste vielleicht nochmal einspringen? Wir holen dich auch ab.“

Ich gab nach, fuhr mit und hatte dann nach …. naja … etwa siebzehn Jahren so gerade mal zwei Stunden Zeit, mich wieder ans Schlagzeug zu gewöhnen.

Bernd kennt mich zwar noch immer, aber nach diesem Abend warf ich meine Drumsticks ins Feuer meines Badeofens.

Es gibt aber eine einzige Aufnahme, bei der ich noch mal an Percussions-Instrumenten werkelte. Im Dezember 1995 produzierte der damalige OKB-Nutzer Michael Marx noch an einer Vorproduktion dort in dem Studio in der Voltastraße. Ich war für meine Live-Sendung „OKbeat“ zu früh da und so nahmen wir dort in diesem Studio gemeinsam ein Lied von ihm auf. Er spielt die meisten Instrumente und singt, ich sitze an allen Schlaginstrumenten!

Natürlich tauschte man sich mit den Kumpels, mit denen man damals die Schuldisco machte, auch aus und so hörte ich bald noch mehr Sendungen.

Im Juni 76 machte mein Rias im „Treffpunkt“ damit Werbung, dass der bekannte Moderator Barry Graves im August eine lange Beatles-Nacht machen würde!

Ja, ich! Hier! Beatles-Fan!

Auch mit 15 musste ich mit nach Brieselang fahren. Wir hatten damals dort noch immer keinen Strom.

Aber meine Eltern erlaubten mir, diese lange Nacht zu hören. Vaddern lieh mir für diese Nacht sein gutes, neues UKW-Kofferradio, von dem ich, via Kabel mit meinem „Sonett“ mitschneiden konnte. Extra für diese Aktion baute man mir hinter den Hühnerställen ein kleines Zelt auf. Licht bekam ich von einer Petroleumlampe. Die Mücken fraßen mich in der Nacht fast auf. Auf der Kochmaschine im Haus stand eine Kanne Kaffee für mich. Einen kompletten Satz neuer Batterien hatte ich in Reserve. Die Sendung begann um 22.35 Uhr …. der Rias machte meist zur halben Stunde die Nachrichten …. und endete vor der zehnminütigen Sendepause, morgens, schon fast im hellen, um 4.50 Uhr.

Ich habe bis heute, wenn ich so etwas erlebe, Nächte durchmache, noch immer ein tolles Hochgefühl, wenn ich morgens die Sonne wieder aufgehen sehe!

Ich hielt diese Nacht über durch, wurde aber bereits um halb sieben geweckt von einem Bagger, der genau vor unserem Grundstück den Graben für das neue Hauptstromkabel für diesen Teil der Gemeinde Brieselang aushob!

Barry Graves hatte es in der Nacht aber nicht geschafft, alles von den Beatles durchzuspielen und so bot er an, in seiner nun regelmäßgen Sendereihe „Graves bei Nacht“, die künftig alle drei bis vier Wochen laufen sollte, immer in einer Stunde weiter Beatles zu spielen.

So blieb ich bei dieser Sendung und bei diesem Moderator, der im übrigen im September 1994 an Aids verstarb.

Bis zum Sommer im Jahr darauf (1977) hatte er dann alles von den Beatles durchgespielt. Aber durch Barry Graves wurde ich auch auf andere Musikrichtungen aufmerksam. Punk, Salza, irische Musik, Tamla-Motown usw. usf.

Neben Lord Knud ist Barry Graves eines meiner Radio-Idole. Knud übrigens lebt noch. Er wurde Anfang 87 beim Rias geschasst, tat sich dann mit Wolfgang Neuss zusammen, versuchte 91 beim einstigen DDR-Jugendradio DT 64 unterzukommen, hatte 96 noch mal ein paar kleine Features bei rs2, schafft es aber nicht mehr, beim Radio unterzukommen. Er ist auch so ein Radiobesessener. Hab Knud einmal, dank alex-Nutzer Peter Ziermann, persönlich kennen gelernt. Das war 1995. Leider hat Knud schon damals seine Joints so geraucht, wie ich zu dieser Zeit meine Zigaretten … so vierzig Stück am Tag.

Im Sommer 78 brachte Barry Graves in einer Nacht den berliner Hörern das normale amerikanische Radio nahe. Da hab ich zum ersten mal Jingles gehört!

Ja, natürlich haben wir, solange es ihn gab, hier in Berlin auch den amerikanischen Soldatensender AFN (American Forces Network) gehört, aber in dieser Sendung von Barry Graves erläuterte er das ganze dann auch noch!

Ich habe damals diese Nacht wieder in Brieselang gehört, wieder im Zelt, aber nun mit eigenem Strom aus der Steckdose und Verlängerungskabel.

Nach dieser Sendung dachte ich, dass musste jetzt auch mal versuchen.

Und so schraubte ich dann noch im Garten, mit Hilfe eines Handmikrophones und dem Cassettenrecorder meiner Cousine meine erste eigene Radiosendung zusammen.

Von da an gab es kein halten mehr!

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