Das Berliner Original

Wie ich zum Radio kam – Teil 2

In Texte on August 8, 2016 at 9:42 am

Ich bin ein Alt-68er! Im Juni 68 zogen wir innerhalb Hohenschönhausens aus einer Ein-Raum-Mit-Wohnküche-Altbau-Bude in eine wunderschöne, gerade erst fertig gestellte, Drei-Zimmer-Neubauwohnung mit Bad und Warmwasser, aber noch mit Ofenheizung um. Da sie es anbot, durfte ich von da an bei der alten, gehbehinderten Rentnerin aus der Wohnung im Hausflur gegenüber jeden Freitag nach dem Baden das Sandmännchen im Fernsehen sehen.

Am 1.September 1968 wurde ich eingeschult.

Ich war damals sehr viel mit meinem Tretroller in dieser für mich neuen Wohngegend unterwegs, um sie zu erkunden.

Wann immer es möglich war, hab ich von da an, nur so für mich, auf diesen Entdeckungstouren, die mich später mit dem Fahrrrad durch die halbe Stadt führten, meine eigenen kleinen Radiosendungen gemacht …. also die Lieder vor mich hin gesummt und Moderationen gebrabbelt oder in mich hinein gedacht.

In den Herbstferien, Oktober 68, begann Lord Knud beim Rias seine Samstagmorgenshow „Evergreens a go go“. Anderthalb Stunden lang Schlager und Rock’n Roll und dazwischen ein Typ, der Witze erzählte. Ich kam selten genug dazu, Lord Knud zu hören, halt nur in den Ferien im Winter. Knud wurde zu meinem Idol!

Zu Weihnachten 68 begann auch in unserer Familie das Fernsehzeitalter. Dem jeweils ersten Programm folgte ein Jahr danach ein merkwürdiger, kleiner selbst zusammen gelöteter Kasten mit einem Schalter, der im Antennenkabel zur Kabelbuchse am Fernseher zwischengeschaltet war und mit dem man dann auch das zweite Programm empfangen konnte. Dieser geheimnisvolle Kasten, den ich von 1984 bis 1988 selber an meinem Fernseher hatte, war so bis etwa 1970/71 der in der DDR verbotene Umschalter zwischen den VHF- und den UHF-Frequenzen.

Mein erster Fernseher von 1984 an war der erste Fernseher meiner 1982 verstorbenen Tick-Tack-Oma …und dieser hatte nur die jeweils ersten Programme (also ARD + Fernsehfunk der DDR 1, die zweiten Programme waren: Fernsehfunk der DDR 2, ZDF und das Dritte-Programm, erstellt von NDR, Radio Bremen und SFB).

Mit dem Fernsehzeitalter änderte sich auch mein Berufswunsch. Mit Ausnahme der Sommermonate, in denen ich noch immer Bäckermeister werden wollte, wollte ich nun nicht mehr Straßenbahnfaherer oder Dampflokführer werden, sondern nun Schauspieler oder, noch besser, Schlagersänger!

Wir spielten das dann auch nach, was wir sahen. Wir spielten nicht „Cowboy und Indianer“, sondern wir „drehten Western“. Wenn wir „Raumschiff Enterprise“ „drehten“, war Carsten immer Capt’n Kirk und ich war Spitzohr Spock! Und wenn wir „ZDF-Hitparade“ spielten, war ich immer Chris Roberts und musste „mein Name ist Hase, ich weiß von nichts, ist hier was geschehen, ich hab nichts gesehen ….“ singen. Unsere Showbühne waren ein paar Obstkisten, unsere Mikrophone waren Tannenzapfen oder alte Deo-Dosen.

Fernsehen war zwar übermächtig, aber es sendete noch nicht rund um die Uhr. Der Fernseher wurde in der Woche erst gegen 17 Uhr angemacht, wenn mein Vater von der Arbeit nach hause kam. Samstag und Sonntag wurde die Fernsehkiste aber auch schon mal nach dem Mittag angemacht.

Tarzan“ oder „Daktari der Dschungeltierarzt“ waren meine Helden. Natürlich Raumschiff Enterprise. Dann die Tiere „Skippy das Buschkänguru“, „Flipper“ der Delphin, „Fury“ der schwarze Hengst, „Mein Freund Ben“ mit einem Braunbären aus den Everglades oder meine heiß geliebte „Lassie“! Weitere Helden: Festus aus „rauchende Colts“, „Die Leute von der Shiloh-Ranch“, „Westlich von Santa Fé“ mit dem Winchester-Gewehr. Ich wünschte mir immer eine Mutter wie die Hauptdarstellerin von „Verliebt in eine Hexe“. Natürlich hab ich damals im Fernsehen alle Karl-May-Verfilmungen gesehen.

Die Serie „Immer wenn er Pillen nahm“ beeinflusste mich nachhaltig, denn wegen des chronischen Obstmangels gingen die Firmen in der DDR dazu über, ihren Angestellten das Miltivitaminpräparat „Summavit“, die gibt’s noch heute, zu geben. Mit Blick auf diese Serie bekamen mein Bruder und ich dann auch von unseren Eltern im Winter diese Pillen.

Die Serie war damals schon eine reine Satire auf die damals gängigen amerikanischen TV-Helden wie „Superman“ oder diese ganzen einfallslosen Agenten- und Polizeiserien. Story:

Nur Tankwart Stanley Beamish verträgt „die Superpillen“, deren Wirkung bei den kleinen nur 10 min, bei den großen nur eine Stunde lang anhält. Er kann in der Zeit fliegen, schöne Mädchen befreien, feindliche Agenten ausschalten usw.

Leider wurde damals nur eine Staffel mit 16 Folgen gedreht, die ich mir vor einigen Monaten, nachdem man sie auf DVD heraus gebracht hatte, kaufen konnte.

Also Fernsehen war zwar übermächtig, aber nicht immer verfügbar.

Bei uns zu hause war es so üblich, dass Vaddern morgens als erster aufstand und das Haus verließ. Kurz vor dem gehen weckte er mich. Im Bad lauschte ich während der Morgentoilette der Sendung „Was ist denn heut‘ bei Findichs los“ auch weiter. Durch das unterschiedliche Alter der Radiokinder in dieser Familie, konnte man sich selbst immer in einem dieser Hörfunkcharaktere wiederfinden. Hörte ich dann anfangs noch weiter „Berliner Rundfunk“ mit DDR-Schlagern, lernte ich dann doch sehr bald dieses Radio auch auf den verbotenen Rias umzustellen, um dort auch noch Nachrichten zu hören. Das Vokabular war einfach knackiger, als beim DDR-Radio! Da sprach man von „Freischärlern“, das klang nach Piraten, oder von „linken Rebellen“, das hatte auch was Verbotenes an sich.

Einmal jedoch, es war noch im Jahre 1967 und deshalb war ich beim Radio hören vorsichtig, einmal hatte mich allerdings mein Radio, mein Rias auch belogen. Man hatte ausführlich darüber berichtet, dass in Berlin ab heute der Straßenbahnverkehr eingestellt werden würde! Aber vor meiner Haustür fuhr die Straßenbahn doch noch!

Wie konnte das sein?

Von da an begriff ich allmählich, dass es zwei Berlins, zwei unterschiedliche Radionachrichten gab, und einige Onkel und Tanten, die uns ganz selten besuchten, mussten „über die Grenze“ gehen und sie schickten regelmäßig Päckchen mit Dingen, die es bei uns im Laden an der Ecke nicht gab. Und da, in diesem zweiten Berlin, da fuhr ab 1967 keine Straßenbahn mehr!

Dieses morgentliche Umschalten des Radiosenders geschah ohne Wissen meiner Eltern. Nach den Nachrichten weckte ich Muttern, die Frühstück machte während ich mich anzog. Erst dann wurde mein Bruder geweckt.

Da ich natürlich auch ein vorbildlicher Jung- und dann Thälmannpionier war, kam zwei- oder dreimal pro Woche die Zeitung „Die Trommel“ per Post-Abo zu uns ins Haus. Und die Nachrichten, die ich um 7.00 Uhr heimlich im Rias gehört hatte, standen dort um 7.30 Uhr auch, nur war die Wortwahl und die Sichtweise eine etwas andere, und ich wusste, diese Sichtweise wollte man auch in der Schule hören.

Wenn wir nicht im Garten waren, hatte ich am Sonntagvormittag das große Röhrenradio im Wohnzimmer ganz für mich allein.

Im Berliner Rundfunk lief da „7 – 10, Sonntagmorgen in Spreeathen“. Jeden Sonntag sendete der Berliner Rundfunk von einem Fest, das der Sender extra dort veranstaltete, aus irgendeinem anderen Kiez (Ost-) Berlins. Ich war etwa zehn, da waren sie auch einmal in unserer Straße. Günther Gollasch und das Rundfunktanzorchester und „Die drei Spreeathener“ …. heute würde man sie als „volkstümliche Liedermacher“ bezeichnen, waren da. Auch „Frieda & Otto“, die zwischendurch immer mal, allerdings sehr aufgesagt klingende Gags in die Sendung einstreuten, hab ich da gesehen. Und ich liebte die Reporterin Karin Rohn, die so herrlich das „R“ rollte und die sich jeden Sonntag live mit dem Tierpark-Direktor Professor Heinrich Dathe in Friedrichsfelde unterhalten durfte und der ständig andere Tiere und deren Lebensweise vorstellte. Das war Hörfunk im schönsten Format, live von den Menschen! Wie ein Zirkuspferd lief ich bei Musik um den Wohnzimmertisch und lauschte andächtig Sketchen und Reportagen.

Erst um zehn weckte ich dann den Rest der Familie, hörte, während ich den Frühstückstisch deckte und Kaffee für meine Eltern kochte noch nebenbei ab 10 Uhr die Sonntagsausgabe der „Findichs“ und hoffte auf wenigstens noch ein paar Minuten heimlich „Onkel Tobias vom Rias“ ab 10.30 Uhr!

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