Das Berliner Original

Wie ich zum Radio kam – Teil 1

In Texte on Juli 18, 2016 at 5:41 pm

Eine kurze Abhandlung von Rolf Gänsrich

26. – 29.11.2010

Ich lade mir ja in meine kleine Hörfunkreihe „O.K.beat“ bei „alex“, dem einstigen „Offenen Kanal Berlin“, immer wieder neue Gäste in die Sendung ein, um mich mit denen dann vor dem Mikrophon in aller Öffentlichkeit zu unterhalten.

Viele dieser Leute sind dann total begeistert, … von der Einrichtung „alex“ an sich, aber auch vom Medium „Radio“ insbesondere.Und dann melden sie sich dort im Hause an und wollen dann auch unbedingt und wirklich Radio machen. Die meisten dieser Leute geben dort aber nach einiger Zeit, manchmal nach sechs Monaten, manchmal erst nach zehn Jahren, wieder auf.

Ich denke, man muss von einer Sache total besessen sein, um sie wenigstens halbwegs ordentlich zu machen …. und auch um sie selbst bei anfänglichen, langjährigen Misserfolgen oder bei Jahre langer Ignoranz durch andere, dennoch weiter zu machen, um Durststrecken zu überstehen.

Man muss von dieser Sache besessen sein!

Da gibt’s diese Ballerina, die schon mit drei Jahren von allein immer wieder sich von Mama zu Tanzkursen mitschleppen ließ. Oder den fünfjährigen, der ohne Rücksicht auf Verluste die Pferdehaare auf der Geige so lange quält, bis alle Katzen auf dem Hinterhof mitmauzen und Vaddern sich bereits freiwillig Ohropax in die Hörlöcher stopft, wenn er das Vorderhaus betritt. Oder da gibt’s diese tolle Sportlerin, die fast noch mit Schwimmhäuten zwischen den Zehen geboren wurde und die man schon als Säugling kaum aus der Badewanne heraus bekommen hat. Oder den „Pufferküsser“, der schon als Kind nichts anderes als Eisenbahn im Kopf hat, oder diese Ex-Familienministerin, Schröder glaub ich, heißt sie, die schon in der Vorschule ihrem Idol Helmut Kohl nacheiferte …. wie peinlich!

So ähnlich war es bei mir mit dem Radio!

Ich bin in einer Zeit groß geworden, als nur wenige Leute einen Fernseher hatten. Meine Urgroßmutter, Tick-Tack-Oma, hatte einen, ich glaube ab 1965. Und da sie damals auch schon ein Badezimmer mit Badewanne hatte, waren wir dort jeden Freitagabend zum Baden und Sandmännchen kieken und ich seh da auch noch diese erste Ballerei in der Westernstadt, mit Postkutsche, vermummten Banditen und toten Indianern. Muss wohl damals sehr beeindruckend gewesen sein, dass ich mich daran noch erinnere.

Aber ansonten liebte ich Radio. Meine früheste Kindheitserinnerung ist die, dass ich in einem Doppelstockbus mit meiner Oma Unter den Linden entlang fahre. Und natürlich sitze ich da ganz vorne und die Bäume leuchten in frühlingshaftem, frischem Grün und wir wollten meine Mama von irgendwo abholen. Da es zu diesem Zeitpunkt meinen Bruder noch nicht gab, muss es weit vor dem Herbst 1965 gewesen sein, ich denke so im Frühjahr 1964, denn ich weiß noch Oma erzählte mir auf dieser Fahrt, dass mein Papa bald von der Armee zurück kommt und er dann für immer zu hause bleibt.

… Ja, es muss April 1964 gewesen sein, denke ich. …

Und da, genau in diesem Bus hab ich mit noch nicht ganz drei Jahren zum ersten male Radio gemacht! Weil wir meine Mama so früh am Tage abholten, hatte ich im Radio den Kinderfunk verpasst und ich machte mir den nun dort in diesem Bus, mit meiner Oma, wahrscheinlich zum köstlichen Gaudium der anderen Fahrgäste, diesen Kinderfunk selber. Die Sendung von „Radio DDR“ hieß „Butzemannhaus“ und lief täglich von 8.45 – 9.00 Uhr. Meine Helden, die ich dann dort in diesem Bus natürlich auch sehr überzeugend darstellte, waren der „Bauer Lindemann“, die „Kuh Elsa“, der Radio-Kinderchor und natürlich mein geliebter „Bummi-Bär“ aus der gleichnamigen Kinderzeitung, die es wohl noch heute gibt. Und da ich damals selbst so süße, blonde Locken, wie dieser Bär hatte, hieß ich im Verwandtschaftskreis über viele, lange Jahre, bei entfernterer Mischpoke bis weit nach der Jugendweihe, „Bummi“.

Allerdings verpasste mir den Spitznamen „Bärchen“ erst 2003 die gute Coco in der psychotherapeutischen Tagesklinik im Prenzlauer Berg.

Ja, so fing das mit dem Radio und mir an. … diese Liebe, die ich sofort heiraten würde … „…. bis das der Tod euch scheidet“.

Das Radio dudelte bei uns zu hause immer. Da ich nie in den Kindergarten gegangen bin, war ich als Kind immer zu hause.

Der Tag begann auf dem Berliner Rundfunk, damals noch Teil des staatlichen Rundfunks der DDR, um zehn vor sieben mit „Was ist denn heut‘ bei Findichs los?“, einer Familie mit vielen Kindern, die alle unterschiedlich alt waren und die sich jeden Morgen am Frühstückstisch unterhielten. Sonntags lief diese Sendung erst ab 10.00 Uhr, dafür dann aber nicht, wie in der Woche, nur zehn Minuten lang, sondern eine satte halbe Stunde.

Um dreiviertel neun gabs dann das schon erwähnte „Butzemannhaus“. Über den Tag verteilt dann „Tanzmusik“, die ich auch immer fleißig mitträllerte.

Ich hab Jahre gebraucht, bis ich meinen damaligen Hit, dessen für mich zu jenen Zeiten unverstädnlichen Text, einfach weil ich ihn als Kind in dem Alter noch nicht begriffen hatte, wieder entdeckte und mir ins „Hochdeutsche“ übersetzten konnte.

Denn-de mitte keine, mitte keine, mitte keine affe-sier, affeeee-sier!“

Horst Wendland:

…. dass ich mich für keine, ja für keine außer dir mehr interessier! Interessier!“

Abends gab es dann im Radio ein Sandmännchen, das wohl beim rbb noch immer unter dem Titel „Ohrenbär“ läuft.

So bin ich aufgewachsen, mit Märchenstunde und Kinderfunk.

Im Herbst und Winter, also in den Jahreszeiten, in denen wir nicht in den Garten fuhren, besuchten wir öfters Sonntags zur Mittagszeit meine Oma. Meine Oma hatte noch einen echten Deutschen Volksempfänger, so’ne „Goebbelsschnauze“ in ihrem Wohnzimmer zu stehen. Auf diesem Radio konnte man den Rias-Berlin hören. Meine Mama schärfte mir, als es bei mir mit der Vorschule im September 1967 begann, ein, niemandem von diesen sonntäglichen Radiosendungen bei meiner Oma zu erzählen, denn das sei eigentlich ganz schlimm verboten und meine Oma würde von der Polizei ins Gefängnis gesteckt, wenn das irgendwer sonst erführe.

Und da ich immer schon ein sehr artiges Kind war, erzähle ich das auch nicht den Tanten da in der Schule, sondern nur einem Spielkameraden dort, der das aber kommentierte mit: „Na den hör ick doch ooch imma, den Onkel Tobias!“. Aber fortan hatte es etwas Kriminelles, Unheimliches an sich, wenn ich bei meiner Oma, aus deren Radio den West-Berliner Feindsender „RIAS – Eine freie Stimme der Freien Welt“ hörte.

Rias“, der „Rundfunk im amerikanischen Sektor“, begleitete mich dann ein halbes Leben lang. Eine der ersten Sehenswürdigkeiten, die ich nach dem Fall der Berliner Mauer, noch Mitte November 1989 besuchte, war das Rias-Funkhaus am Hans-Rosenthal-Platz, das Gebäude, aus dem heute das „Deutschlandradio Berlin“ kommt. Ich musste damals ganz einfach mal „meinem Rias“ guten Tag sagen.

Nun in jenen frühen Tagen hörte ich bei meiner Oma „Der Onkel Tobias vom Rias ist da! Was wird er uns heute wohl bringen? ….“ … der Rias-Kinderfunk!

Mich störte damals als kleines Kind, wie dann auch als Schulkind immer sehr der Stress an den Wochenenden. So lang ich noch nicht zur Schule ging, warteten wir die Ankunft meines Papas von der Arbeit ab. Bis etwa 1967 musste man in der DDR Samstags einen halben Tag lang arbeiten. Als ich dann ab 1968 zur Schule ging, in der DDR war es bis zu deren Ende 1990 üblich, dass man auch noch Samstags bis etwa zur Mittagszeit, wir hatten wohl glaub ich vier Unterrrichsstunden zu absolvieren, zur Schule ging. Dann hieß es für mich im Laufschritt nach hause, Mittag essen hinein stopfen, dann in die Straßenbahn auf der anderen Straßenseite springen und um 12.17 Uhr am Bf. Leninallee (heute Landsberger Allee) die S-Bahn nach Oranienburg bekommen, in Birkenwerder nach Finkenkrug umsteigen, in Finkenkrug nochmal eine Station mit „dem Schwarzen“, mit Dampflok bespannter Personenzug, bis Brieselang und dort dann vom Bahnhof aus eine gute halbe Stunde bis in den Garten laufen.

Im Garten war dann schon mein Opa. Meine Tante mit meiner Cousine Petra (sie ist heute mein Hausarzt!) kamen dann eine Stunde später mit dem Zug aus Baumschulenweg in Brieselang an.

Am Sonntag abend dann die ganze Strecke, Fahrtzeit mit Fußweg pro Richtung war unter zweieinhalb Stunden nicht zu schaffen, wieder zurück, ab Sommer dann auch noch mit schwerem Gepäck in Form von Körben mit Äpfeln, Birnen, Möhren, grünen Bohnen, Kartoffeln, Mangold usw. usf. Alle Leute, die am Sonntag wieder nach Berlin hinein fuhren waren so bepackt.

Die S-Bahn aus Oranienburg kommend stank nach den Chemikalien des dortigen Pharmaziebetriebes, ab Birkenwerder mischte sich dazu dann der Duft nach frisch geerntetem Gemüse, nach vollgekackten Babywindeln und auf dem Abschnitt zwischen Schönfließ und Blankenburg kam dann noch die „herzhafte Landluft“ der Berliner Rieselfelder hinzu.

Brieselang war schön, ohne Zweifel. Wir konnten da als Kinder einfach alles machen. Irgendeiner der Erwachsenen hatte immer für uns Zeit und so machten wir Lagerfeuer, schmorten Äpfel oder im nahen Kanal selbst geangelte Plötzen am Spieß, bauten Wassergräben und Indianer-Forts im Gehege am Hühnerstall, errichteten Baumhäuser oder gingen zu Herrn Griebert, der die großen Grundstücke an der Ecke hatte und spielten dort mit den Shetland-Ponys, die er züchtete. Was haben wir dort für Mengen an Zucker verfüttert, wie oft sind wir auf Ponyrücken, natürlich ohne Sattel, über die Koppeln galoppiert. Auf dem Grundstück, das sich direkt hinter uns an unseres anschloss hatte „Tante Luscha“, irgendwann zog Opa dann bei der Tante ein, einige dutzend Kaninchen, die wir alle immer streichelten und pflegten und von denen, wenn Opa jedes Jahr zu Weihnacht eines davon, von ihm eigenhändig geschlachtet, ausgenommen und mitgebracht, niemand mehr von uns Bissen hinunter bekam.

Welches war es denn? Das grau-weiß gepunktete? … Das war doch immer sooo lieb!“

Brieselang hatte nur einen großen Nachteil: es gab keinen Strom! Gut, also fließend Wasser hatten wir damals auch noch nicht. Erst 1976/77 wurden wir an das zentrale Strom und Wassernetz angeschlossen. Das hieß extra Kammer hinter’m Haus mit Herzchen in der Tür und Brett mit Loch und großem Eimer darunter, einschließlich entsprechendem Gestank und vielen Fliegen und noch mehr Spinnen. Wir Männer gingen für’s „kleine Geschäft“ an den Busch hinterm Hühnerstall. Das hieß aber auch Regentonne zum gießen, Wasser aus einer Handpumpe, die immer erst angegossen werden musste (aber Tee hat mit diesem Wasser immer sagenhaft gut geschmeckt!) und dann musste man den schweren Hebel mit aller Kraft auf und ab, vor und zurück schieben, bis das Wasser kam. Opa kochte für uns alle auf richtigem Feuer auf so einer alten „Kochmaschine“, die die Laube, in der wir dann Nachts alle auf Klappliegen und Luftmatratzen schnarchten, gut heizte. Nur Opa hatte ein richtiges Bett hinter dem Vorhang auf einer Strohmatratze.

Kein Strom, das hieß Petroleumlampen und Kerzenlicht und für mich „als Strafe“ kein Radio!

Von meinem siebenten Lebensjahr an, bis ich so etwa vierzehn war, sieben Sommer nacheinander, war ich jedoch nicht im Garten in Brieselang sondern in Mecklenburg. Die Cousin’s und Cousinen meiner Oma (ich muss das jetzt mal erklären: ich hatte nur je eins! Oma und Tick-Tack-Oma waren Mutter und Großmutter meiner Mutter, mein Opa war Vadderns Vater) hatte in dem zauberhaften Städchen „Krakow am See“, ca. 3.500 Einwohner“, eine der beiden Bäckereien im Örtchen und am See, zu Fuß einmal in zehn Minuten quer durch Krakow durch, auch noch ein Bootshaus, in dem man auch mal schlafen konnte und in dem zwei Ruderboote mit kleinem Außenbordmotor untergebracht waren. In Krakow war ich von den acht Wochen DDR-Sommerferien immer drei Wochen lang mit meinen Eltern und dann noch drei Wochen mit meiner Oma.

In jenen Zeiten wollte ich unbedingt Bäckermeister werden!

Ich bin in den Ferien immer freiwillig morgens um halb fünf leise aufgestanden und hab dann so bis acht, halb neun in der Backstube geholfen. Brötchen drehen, Teig kneten, Brote einritzen, Pfannkuchen, die dort „Berliner“ heißen, mit Marmelade befüllen und mit Zuckerguss glasieren, Blechkuchen belegen und auch immer mal selber Brote mit den langen Brettern in den Ofen schieben. Das war damals alles noch reine Handarbeit! Aber ich hab es geliebt!

Ich rieche es noch heute, wenn eine Bäckerei wirklich selber backt!

Das kann man sich heute nicht vorstellen, das frische Brot wurde nach dem Backen zum abkühlen auf Brettern an einer Wand im Innenhof gelagert. Auf diesem Innenhof scharrten Hühner, watschelten Enten und Gänse, grunzten die beiden Schweine und mindestens zwanzig süße Miezekatzen schnurrten einem um die Beine.

Nach dem Frühstück mit Oma oder Eltern spielte ich dann dort auf diesem Hof immer ein wenig oder ich durfte auch mit dem Riesenschnauzer der Bäckersleute quer durch den Ort Gassi gehen. Mit meinen Eltern und meinem Bruder erwanderte ich meist die Umgebung von Krakow bis hoch zur alten Holländer-Windmühle, die zu diesen Zeiten nur noch ein Heimatmuseum war. In den drei Wochen mit meiner Oma war ich dann mehr allein unterwegs. Ich durfte mir immer eines der Boote nehmen, was ich auch oft genug tat, knatterte über den See, segelte mit vollem Tuch oder legte mich mit dem Boot auch nur still ins Schilf, um Vögel zu beobachten.

Das tolle an Krakow war, dass es da Strom gab. So erlebte ich auch dort im Sommer 1969 live im Fernsehen die erste Mondlandung mit.

Aber ich kam, wegen meiner vielen Aufgaben, nicht mehr dazu, Radio zu hören, zumal es dort auch noch ganz andere Sender, als in Berlin, gab.

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