Das Berliner Original

Wie ich zu Roland Kaiser wurde

In Texte on Juli 4, 2016 at 5:01 pm

Rolf Gänsrich am 25.12.2010 für die Schlagernächte von „Pommes rot – weiß“

…………………..

Dezember 1982 – kurz vor Weihnachten.

In der HO-Kaufhalle Franz-Jacob-Straße, direkt am S-Bf. Storkower Straße stehe ich, als einundzwanzigjähriger Bengel in meiner Funktion als „1.Fachverkäufer Obst-Gemüse“ hinter einem Packtisch im Eingangsbereich und verkaufe spanische Orangen, diese echten Nabelorangen.

Um mich herum stehen fünf Europaletten, brusthoch mit Orangenkisten beladen. Zwei Lehrlinge hinter mir befüllen große Papiertüten mit diesen Orangen und stellen diese Tüten in einem Einkaufwagen links neben mir ab.

Ich selbst stehe an der Waage und „mache“ die Preise.

Das Kilo kostet vier Mark.

Mehr als zwei Kilo pro Person soll ich eigentlich nicht abgeben, etwa zwei Kilo sind auch in einer Tüte, aber ich packe aus einer Orangenkiste, die auch noch in diesem Einkaufwagen steht, immer noch ein oder zwei Früchte oben mit rauf, damit es auch ja nicht weniger, als diese zwei Kilo sind, die ich abgeben darf.

Dass die gelieferte Menge so nur für weniger Kunden reicht, bedauer ich innerlich, bin aber auch froh, wenn ich nach drei bis vier Stunden ohne Pause diese Menge verscherbelt habe.

Noch während der Zeiger der „Neigungsschaltwaage“ mit einer neuen prall gefüllten Tüte Orangen in der Wiegeschale weit schwankend über die Skala mit den Gewichtsmarkierungen pendelt, peile ich das Gewicht über den Daumen und rechne:

ca. 2,100 gramm! Ohne kleines Einmaleins und Kopfrechnen geht garnichts.

„Acht-Mark-Viersich!“ verkünde ich und meine liebe Kollegin Monika, die rechts neben mir steht und das Geld der Kunden kassiert, summt ein „…manchmal möchte ich schon mit dir…“

Vor mir eine Wand aus Menschen. Die Schlange der Anstehenden schlängelt sich erst zweimal durch den Eingangsbereich der Kaufhalle, dann durch die Tür hinaus ins Freie und dort noch etwa fünfzig Meter weit in Richtung S-Bahnhof. Die Leute stehen in zweier- und dreier Reihen an. Sie sind nicht wirklich gut gelaunt, denn viele stehen lange, ich weiß nicht wie lange.

Im Hintergrund rasseln an mindestens zwölf der sechzehn Kassenplätze laut die Registrierkassen der Kaufhalle.

Monika neben mir hat keine Registrierkasse sondern nur so eine kleine Geldkassette und so muss auch sie das Wechselgeld, das sie heraus gibt, im Kopf errechnen.

Es ist laut und kalt und die Leute vor mir schimpfen, … auf die wieder nicht pünktliche S-Bahn, auf den inkompetenten Chef in der eigenen Firma, der wohl nur deshalb Chef wurde, weil er in der Partei ist, oder auf die andauernden Materialengpässe in der der Bude in der man täglich arbeitet oder auch nur auf die viel zu anspruchsvollen Enkel.

Ich versuche nett zu sein und Witzchen zu machen.

Der blonden Frau verkaufe ich blonde Orangen, dem älteren Herren verkaufe ich, sehr zu seinem Vergnügen, auch blonde Orangen, dem Herren mit dem Parteiabzeichen am Revers verkaufe ich extra rötlich-orangene Orangen … die umstehenden Kunden lachen, der Herr mit dem Parteiabzeichen schmunzelt zumindest.

… Ich fasse versehentlich in der Obstkiste links neben mir in eine matschige Orange und verkünde:

„Da sehen sie mal, was uns der Klassenfeind hier so alles liefert!“ und verkaufe weiter, sage Preise, Monika summt „manchmal möchte ich schon mit dir“, Lehrling Sabinchen hinter mir wird durch Lehrling Kerstin hinter mir zur Zigarettenpause abgelöst, ich aber acker weiter, kann bald das einmaleins kaum noch.

Plötzlich Gewusel vor mir. Ein Kind, etwa vier oder fünf Jahre alt, hat sich in der Schlange von der Hand seiner Mutter los gerissen, stürmt auf meinen Verkaufstisch zu, sieht mich für einen Augenblick mit großen, fragenden Augen an, zeigt mit lang ausgestrecktem Arm auf mich, dreht den Kopf zu seiner Mutter, in dem Moment ist es schlagartig still, und das Kind fragt in diese Stille, auf mich deutend, hinein:

„Mama, ist das Roland Kaiser?“

War das ein Lacher!

Die Mutter klärte dann mit hoch rotem Kopf auf:

„Weil sie immer so nett sind!“

Da bekam ich dann den roten Kopf!

Das Ding machte dann aber auch unter den über achtzig Angestellten der HO-Kaufhalle, dieses Supermarkts, die Runde. Und so hieß es künftig, wenn sich wieder mal eine Schlange in oder vor der Kaufhalle bildete:

„Na, da verhökert unser Roland Kaiser sicher wieder Matsch und Gammel?“

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