Das Berliner Original

Was man alles machen kann

In Texte on Februar 8, 2016 at 1:34 pm

Rolf Gänsrich 29./30./31.1.09

Ich werde ja immer mal gefragt: Wieviel ist Selbsterlebtes in deinen Geschichten und was hast du dazu gedichtet? Also hier ist es so, dass der erste Teil mit dem Telefon ein Erlebnis ist, nur, dass der in Wirklichkeit gut zwanzig Minuten dauerte. Das hab ich hier gekürzt. Der Rest ist erstunken und erlogen!

Ich saß im Wartebereich eines Augenarztes, darauf lauernd, dass mir Frau Doktor mehrfach tiiiiief in die Augen schaut, als eine junge Frau, eine sehr, sehr junge Frau, das Sprechzimmer von Frau Doktor verließ und sich an den jungen Mann wandte, der hinter dem Anmeldethresen der Arztpraxis saß.

>> verstellte Stimmen <<

Sie: Ich weiß garnicht, Frau Doktor hat ja überhaupt nichts mehr zu mir gesagt!

Er: Was hat sie nicht gesagt?

Sie: Na, ob meine Augen denn nun in Ordnung sind, oder nicht!

Er: Also, wenn sie nichts weiter zu ihnen gesagt hat, wird wohl auch nichts weiter sein.

Sie: Aber ich wüsste schon gern meine Dioptrin-Stärke.

Er: Haben sie denn ein Rezept bekommen?

Sie, entrüstet: Nein!

Er: Na, dann wird ja wohl alles in Ordnung bei ihnen sein.

Sie: Aber ich wüsste schon gern meine Dioptrin-Stärke.

Er: Ja, warum eigentlich nicht.

Sie: Ist Frau Doktor denn jetzt nochmal für mich zu sprechen?

Er: Sie waren doch gerade bei ihr selbst im Behandlungszimmer drin. Das geht jetzt in diesem Augenblick leider nicht mehr, denn sie behandelt bereits den nächsten Patienten.

Sie: Kann ich denn dann hier warten, bis sie den Patienten fertig behandelt hat?

Er: Das können sie durchaus!

Sie: Ich könnte aber auch anrufen!

Er: Ja, klar!

Sie: Also, wenn ich jetzt nach Hause gehe, kann ich sie dann hier anrufen?

Er: Das dürfen sie gerne machen.

Sie: Kann ich sie denn dann gleich anrufen?

Er: Ja, aber rechnen sie damit, dass sie unter Umständen eine Minute warten müssen.

Sie: Sie haben doch hier in der Praxis Sprechzeit bis 18.00 Uhr. Sollte ich besser erst dann anrufen?

Er: Sie sehen ja, wie voll es jetzt, um 16.30 Uhr, hier noch ist. Es kann sein, dass Frau Doktor dann noch behandelt.

Sie: Ich könnte aber auch morgen Vormittag bei ihnen anrufen.

Er: Wenn sie morgen vormittag Zeit dafür haben. …

Sie: Oder ich gehe jetzt raus, setze mich auf eine Bank auf dem Helmholtzplatz und rufe sie dann von meinem Handy aus an.

Er: Aber selbst wenn sie von ihrem Handy aus anrufen, kann es passieren, dass ich sie nicht sofort zu Frau Doktor durchstellen kann oder ich ihre Werte habe.

Sie: Wissen sie, ich wohne doch hier um die Ecke, ich könnte sie also auch gleich vom Festnetzt von zu hause aus anrufen.

Er: Das können sie sehr gern.

Sie: Aber ich müsste schon noch vorher meine Tochter aus der KiTa in der Lychener Straße abholen. Dann kann ich sie anrufen.

Er: Auch das können sie.

Sie: Vielleicht ist ja meine Tochter auch noch garnicht so müde, dann könnte ich auch mit ihr hier nochmals kurz in der Praxis vorbei schauen.

Er: Bringen sie ruhig ihre Tochter mit, aber es kann dann trotzdem durchaus passieren, dass sie noch eine Minute warten müssen.

Sie: Kann man Frau Doktor denn auch eine E-Mail schreiben?

Er: Das kann man. Ich geb ihnen mal die E-Mail-Adresse.

Er schreibt ihr etwas auf einen Zettel, sie sieht sich den Zettel lange an und überlegt.

Sie: Dann kann ich doch gleich noch von zu hause eine E-Mail schreiben.

Er: Unbesehen! Das können sie.

Sie: Aber wenn ich dann erst in die KiTa gehe, da komme ich schon an einen Rechner ran.

Er: Wenn das so ist …

Sie: Aber vorher komme ich doch noch an diesem Internet-Café vorbei, dann könnte ich doch auch von da aus eine E-Mail schreiben.

Er: Sie sagen es!

Sie: Oder, auf dem Rückweg, …. wenn ich mit meiner Tochter auf dem Heimweg von der KiTa bin, dann komme ich auch an diesem Internet-Café vorbei, da kann ich ja auch dann eine E-Mail an sie schreiben.

Er: Aber denken sie daran, dass Frau Doktor ihnen nicht sofort antworten wird, sondern vielleicht erst heute Abend oder morgen früh.

Sie: Dann könnte ich aber auch meinen Mann persönlich hier vorbei schicken.

Er: Pfff … Wenn er sich als ihr Mann ausweisen kann.

Sie: Ja, ja, das kann er, wir sind verheiratet. Aber ich könnte ihn dann ja auch mit meiner Tochter hierher begleiten.

Er: Wenn sie ihre Familie mitbringen wollen, dann tun sie das.

Sie: Eigentlich wollten wir aber heute, noch kurz vor dem Abendessen, einen kleinen Spaziergang rund um den Kollwitzplatz machen. Dann könnten wir kommen.

Er: Tun sie es, wenn es dann noch nicht 18.00 Uhr ist!

Sie: Wissen sie, ich fange morgen erst um 10.00 Uhr an zu arbeiten. Da könnte ich vorher noch allein mit dem Auto hier vorbei kommen. Ich könnte sie aber auch morgen von Arbeit aus anrufen. Oder meine Tochter und mein Mann rufen sie morgen früh an. Mein Mann könnte sie auch heute abend noch anrufen. Ich könnte meinen Mann aber auch am morgen noch in sein Büro begleiten und sie dann von dort aus anrufen. Oder ich schreibe ihnen morgen aus dem Büro meines Mannes ein E-Mail, bevor ich sie aus meinem Büro anrufe.

Genau in diesem Moment wurde ich ins Behandlungszimmer zu Frau Doktor gerufen.

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