Das Berliner Original

…. unter Strom …

In Texte on Juni 15, 2015 at 10:35 am

Rolf Gänsrich am 25.4.05

Morgen ist es endlich soweit! Morgen passiert es! Endlich! Ich habe den Tag schon so lang ersehnt! … Die Bewag hatte ja auch lang genug darauf hingewiesen.

Seit Wochen schon prankte im Hausflur das Schild: Am Dienstag den 26.4.05 wird zwischen 8.oo und 16.oo Uhr in IHREM Haus der Strom abgestellt. Unterschrift: Ihre Bewag!

Und wie zur Bestätigung dieser einen, ach so wichtigen Aussage: Sie haben am Dienstag in zwei Wochen, am Dienstag in einer Woche, nächsten Dienstag, übermorgen … MORGEN!!! …. Keinen Strom! … Wie zur Bestätigung dieser Aussage klaffte im Gehweg direkt vor unserem Haus auch seit Wochen ein tiefes Loch, aus dem zwei Kabel-Enden hervorquollen!

Merkwürdiger Weise hatte ich aber trotz Loch, trotz loser Kabelenden immernoch Strom!

Was mich an dieser Strom-Losigkeit von vornherein nervte war, dass ich nach Ende der Arbeiten, also vermutlich noch am Abend dieses Tages, ich den Fernseher, den Video-Recorder und den Radio-Wecker vollkommen neu würde programmieren müssen. Das hieß ellenlange, unverständliche und vergilbte Bedienungsanleitungen zu lesen, die ich spätestens nach einer Stunde in die Ecke werfen würde, um diese Geräte mit „männlicher Intuition“ neu zu programmieren. Davor grauste es mir im Voraus am meisten. Und morgen war nun dieser Tag! Morgen hatte ich, laut Bewag, von 8.oo bis 16.oo Uhr keinen Strom!

Wie gesagt, die Warterei auf „keinen Strom“ hatte nun endlich ein Ende, denn morgen hatte ich keinen Strom!

Ich versuchte die Sache logisch anzugehen. Das war aber nicht so einfach.

Für einen Fernseh-junkee wie mich war das Frühstücksfernsehen von ARD und ZDF von enormer Bedeutung. Cherno Jobatay und Eve Vehring frühstückten täglich mit mir und informierten mich, so nebenbei, auch noch darüber, was in der Welt so los war.

Aber Halt! Der Tag begann früher! Mit dem Radiowecker!

Ich überlegte ernsthaft, ob ich morgen schon Nachts um 6.oo Uhr aufstehen sollte, nur damit ich morgens noch Strom hätte! Insgeheim rechnete ich nämlich damit, spätestens ab 7.oo Uhr keinen Strom mehr zu haben. Ich misstraute einfach der Bewag, wenn sie von 8.oo Uhr sprach.

Oder sollte ich den Tag morgen komplett verschlafen? Andererseits, wenn ich erst nach der Stromsperre wach werden würde, brauchte ich bis morgen einen neuen Wecker, komplett nasses Rasierzeug, eine neue Zahnbürste und endlich mal einen Teekessel für meinen Gasherd!

Was tun, sprach Zeuss?

Ich beschloss morgen auszuschlafen.

Deshalb begann ich mir allmählich eine Liste von Dingen zu machen, die ich noch heute einkaufen gehen müsste.

Also doch mal logisch an die Sache gehen. Du stehst morgens auf und der Radio-Wecker …. klingelt NICHT!

Auf meine Einkaufsliste schrieb ich: Wecker

Dann schlurfst du ins Bad … und hast dort kein Licht! … Kein Licht kann auch von Vorteil sein, denn ich mag mich ohnehin morgens nicht im Spiegel sehen!

Dann putzt du dir von Hand die Zähne, denn die Dental-Dusche geht ja auch nicht. … Auf die Einkaukaufsliste kam: Zahnbürste

Das Rasieren … auf die Liste setzte ich: Einweg-Rasierer, Schaum, Pinsel … aber, ich erkannte, es würde sich zu einem Problem ausweiten, ich hatte im Bad noch immer kein Licht! In der Küche hatte ich etwas mehr, wenn auch nicht ausreichend Licht, aber keinen Spiegel.

Ich schrieb auf einen extra Zettel groß das Wort „LICHT“ und pinnte es im morgen wohl stockdusteren Korridor an die Wand neben der Wohnungstür!

Wie dann weiter? Also auf den Toast konnte ich notfalls auch verzichten! Den Kühlschrank, ohne Innenlicht wegen „Kein Strom“, würde ich morgen nur kurz öffnen. Das Kaffeewasser kochte auf Gas auch in einer Kaserolle. Ich würde also keinen neuen Wasserkessel brauchen. Schnell war mir aber klar, dass ich alle Verrichtungen bei absoluter Stille würde machen müssen. Ich überlegte angestrengt. In der Kammer hatte ich wohl noch ein Radio mit Batterie-Fach. Aber wegen eines einzigen Tages gleich vier Batterien kaufen, lohnte nun wirklich nicht. Wer weiß, vielleicht sängen ja draußen auch Vögel, dann brauchte ich nur die Fenster zu öffnen und hätte eine hervorragende Geräuschkulisse!

Nun kam ich gedanklich zum Frühstück. Du deckst dir den Tisch und setzt dich …. und setzt dich … in Richtung Fernseher. … Der alte Gag von Loriot über den kaputten Fernseher ging mir durch den Kopf. Ich lasse mir von einem nicht funktionierenden Fernseher nicht vorschreiben, wo ich hinzusehen habe!

Und nach dem Frühstück ohne Eve Fehring? Was könnte man so machen? Telefonieren! Wenn ich den Akku des Handy’s jetzt noch auflud, könnte ich morgen telefonieren! … Aber den ganzen Tag lang? … Zu teuer!

Fernsehen entfiehl. Musik hören entfiehl. Meine Siedler auf dem Computer eine neue Stadt gründen lassen entfiehl auch, genauso wie die Arbeit am PC. Mensch, was hätte ich morgen alles am PC arbeiten können! Bestimmt wäre mir wieder eine neue Geschichte eingefallen oder ich hätte etwas von meiner Ideen-Ablage aufarbeiten können und schon mal den nächsten Zeitungsartikel oder die nächste Hörfunk-Sendung vorbereiten können. Ging aber alles nicht, wegen „KEIN STROM“.

Ich könnte morgen keine Wäsche waschen, nicht Staub saugen, nicht abwaschen … um Himmelswillen, ich würde morgen total verkeimen!

Nur nicht daran denken! Was könnte man denn noch so den ganzen Tag lang ohne Strom machen?

Lesen wäre gut! Ich betrachtete mein Bücher-Regal, dass ich im Winter nur mit dem Staubwedel berührte. Seit diesem einen warmen Tag im letzten Sommer hatte ich kein Buch mehr gelesen.

Ich ging die Buchtitel durch: „Enterprise“, „Roots“, „Manifest“, „Star Trek“, „Star War’s“, „Rock-Lexikon“, „Meyers Hand-Lexikon“, „Robinson Crusoe“, „Tausend-Tolle-Koch-Tipps“, „Loriot“, … bei den fünfundzwanzig Bänden Karl May blieb ich mit den Blicken hängen. Ich kannte meine Sünde! Schon vor Jahren hatte ich mich bei „Winnetou eins“ bis zur Hälfte gequält, … das alte Lesezeichen, ragte aus der Buchmitte wie ein mahnender Zeigefinger.

Nein, dachte ich, Karl May liest du morgen nicht weiter!

Ich machte auf dem Absatz kehrt und musterte auf dem Flur den Schuhschrank. Vielleicht sollte ich morgen spazieren gehen? Oder durch den Grunewald wandern. Oh-je! Den ganzen Tag lang durch die Gegend latschen! Und ich würde morgen auf dem dunklen Flur bestimmt nicht die richtigen Schuhe finden!

Das Wort „LICHT“ stach mir von der Pinnwand ins Auge. Um das Problem Licht müsste ich mich wirklich kümmern.

Zunächst inspizierte ich den Kerzenständer!

Ach ja … die winzigen Kerzen-Stumpen-Reste von dem kuscheligen Abend mit Antje kamen mir in den Sinn. Wie lang war das jetzt her? Zwei oder drei Jahre?

Aber vielleicht hatte ich doch noch … ich hatte damals für den Abend mit Antje ALLES vorbereitet … also mussten irgendwo noch mehr Kerzen sein!

Ich durchstöberte meine Kammer. Was ich fand war ernüchtend. Eine angebrochene Packung Geburtstags-Kerzen vom „VEB Wittol Lutherstadt Wittenberg“ für „EVP 2,25 Mark“ mit einer halb abgerissenen Banderole und dem Spruch darauf: „Alles gute zum dreißigsten!“

Nun gut, ich setzte das Wort „Kerzen“ auf meine Einkaufsliste mit zu, gleichzeitig dämmerte mir etwas von einer Petroleum-Lampe, die ich etwas weiter hinten in dem Regal auf dem Balkon finden musste.

Ich wusste noch, es hatte mal Zeiten gegeben, in denen ich noch Geld gehabt hatte. In jenen rosigen, sonnigen Zeiten saß ich gern nach Feierabend, an lauen Sommerabenden, mit einem guten, sehr guten Glas Whiskey auf dem Balkon, hörte leise Musik und ließ diese Petroleum-Lampe, allein wegen der Stimmung, glimmen.

Bei meiner Ordnung erstaunlicher Weise sofort fand ich diese dort, wo ich sie vermutet hatte. Jedoch war wohl kein Lampenöl mehr in ihr und die einst volle Flasche Lampen-Öl, direkt neben der Lampe im Regal auf dem Balkon war gleichfalls leer. Verdunstet?

…………………………………….

Ähm … bis zum Nachmittag hatte ich Lampenöl, Nass-Rasierzeug, Zahnbürste und eine neue Packung Haushaltskerzen, Hergestellt für „Plus“ … Prima-Leben-und-Sterben erworben, die alte Öl-Lampe wieder gereinigt und Kerzen in der ganzen Wohnung verteilt.

Am nächsten Morgen stand ich sehr früh auf! Ohne mich zu waschen, ohne mich zu rasieren und ohne zu frühstücken setzte ich mich ins Auto und fuhr ich anderthalb Stunden in den Garten meiner Eltern, denn ich wusste, in ihrem Garten gab es Strom, einen funktionierenden Fernseher und jede Menge Bäume zu beschneiden!

Abends erfuhr ich von meiner Nachbarin Elke, dass die Strom-Abschaltung der Bewag nur von 9.oo bis 11.oo Uhr gedauert hatte. Video-Recorder, Fernseher und Radiowecker funktionierten noch und mein altersschwacher Kühlschrank hatte den Tag auch unbeschadet überstanden!

Und meine Wohnung stand wieder unter Strom!

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