Das Berliner Original

Unrechtsbewusstsein

In Texte on Juni 1, 2015 at 9:38 am

Rolf Gänsrich am 12.11.07

An einem nebligen, trüben Novembertag, vom Himmel fielen die ersten Schneeflocken und es war sau-kalt, radelte ich gemütlich durch die Brunnenstraße. Da ich an einer Ecke nach links in die Bernauer Straße wollte, nahm ich kurz den Fußgängerübergang, um mich dann in der Bernauer Straße auf den Radweg Richtung Prenzlauer Berg zu stellen.

Da hörte ich plötzlich eine undeutliche Stimme neben mir, die murmelte:

Ja, keen Unrechtsbewußtsein hier.“

Als ich auf der anderen Straßenseite angelangt war und den „Arsch“ meines Rades in die richtige Richtung gehievt hatte, sah ich mir „die Stimme“ an. Eine ältere Dame, vielleicht noch zehn Jahre älter als ich, schlecht blondiert, die ihr Fahrrad schob, stakste an mir vorbei, immer weiter auf dem Fußweg der Brunnenstraße entlang. Ich sah sie an:

Junge Frau, wenn’se mir wat zu sagen haben, schauen sie mich bitte an!“

Ick schau sie ja jetze an!“, kreischte sie.

Und wat meenten sie, mit dem Unrechtsbewußtsein?“

Na, det sie keens haben! Alle machen hier, wat’se wollen.“ und sie kreischte immer mehr.

So’n ollen Zausel wie mich machen sie an, wa?“, fragte ich und setzte nach: „Seien sie bloß froh, det ick keene zwanzich Jahre jünger bin.“

Was soll das denn heißen???“ kreischte sie erneut und blickte mich herausfordernd dabei an.

Sie!!! Lassen sie die Frau in Ruhe!“, pöbelte von der anderen Seite ein Passant und drohte dabei mit seinem Regenschirm in meine Richtung.

Von hinter mir bläkte eine Frau, mit Säugling auf dem Arm: „Der Herr“, sie wies auf mich, „hat doch noch gar nichts gemacht!“

Sehn’se ick wollte ja ooch nur sagen ….“ und allmählich gingen meine Erklärungen und die Erwiderungen der Dame im allgemein losbrechenden Tumult unter, denn von allen Seiten und auch aus den U-Bahnschächten und von der Straßenbahnhaltestelle kamen nun Leute auf uns zu und diskutierten kräftig mit, mal für mich, mal für die Dame Partei ergreifend.

Bald waren wir umringt von Menschen und fliegenden Händlern, die Currywurst, Cola, Schmuggelzigaretten, Cannabis und Koks zu Sonderpreisen anboten.

Die Straßenbahn blockierte die Kreuzung, damit die Fahrgäste einen besseren Blick auf den Tumult hatten.

Auf dem Fußweg kam ein Daimler-Caprio auf mich zu und als er neben mir hielt, bot mir der Fahrer für ein geringes Entgelt eine Hochzeit mit einer Frau aus Burma an, die er extra für mich in einem Frachtcontainer nach Deutschland einfliegen lassen wolle.

Herbei geeilte Polizisten beteiligten sich indes rege am Hütchenspiel zu meinen Füßen.

Eine schmuddelige Frau steckte mir ihre Zunge ins Ohr und flötete etwas von nur fünfzig €uro für’s Blasen.

Die Ampel wurde mittlerweile nicht nur von Straßenbahnen blockiert sondern vom kreuzenden Verkehr auch geflissentlich ignoriert. Bei Grün fahren und Rot stehen, das ist doch nur was für Schlaffis.

Schräg hinter mir wurden unterdessen Scheinwerfer aufgefahren und schließlich mit Kameras aus drei Richtungen die Vergewaltigung einer Zehnjährigen gefilmt, während Sympathisanten der NPD jeden neuen Zuschauer lautstark mit „Sieg Heil!“ begrüßten.

Die Kunden der Aral-Tanke hundert Meter entfernt nutzten die Gunst der Stunde und tankten erst mal voll, bevor sie das Bezahlen vergaßen.

Auch der türkische Gemüsestand beglückte die dem Tumult Zueilenden, indem er auf wundersame Weise aus einem Kilogramm 920 Gramm machte.

Der CDU-Bundestagsabgeordnete, der mir mit seinem Megaphon ständig Parolen von der Geringfügigkeit der letzten Diätenerhöhung ins Ohr quäkte bedankte sich zwischendurch immer mal wieder artig bei den Siemensvertretern, die schwarze Aktenkoffer neben ihm abstellten.

Als die Kassen von Räubern gestohlen waren, schloß schließlich der gegenüber liegende Aldi, weil man nun kein Wechselgeld mehr zur Verfügung hatte. Die einzigen, die dies nicht bedauerten, waren die dort arbeitenden MEA-Kräfte und Praktikanten.

Allmählich löste sich der Tumult um uns herum auf und man hörte schließlich fast nur noch die Hilfeschreie der noch lebenden Bank-Geiseln von gegenüber, bevor auch sie abgeknallt wurden.

Ja!“, sagte ich, „anstatt sich mit so’nem harmlosen Zausel wie mir einzulassen, sollten sie sich mal an die richtigen Verbrecher wenden.“

Na aber“, stammelte die Dame endlich kleinlaut „aber Sie habe ich wenigstens erwischt.“

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