Das Berliner Original

Ungewollte Gesprächsrunde

In Texte on Februar 23, 2015 at 10:12 am

Rolf Gänsrich 21.8./ 29.9.09

Er: Es sprach zur Gans der Gänsrich:

Im kalten Wasser steht er nicht!

Lass uns doch in die Federn flattern

Und wie der wilde Truthahn knattern.

Sie: Das gefällt mir sehr!

Er: Danke Tina!

Sie: Ja, vor allem die Verwendung des Wörtchens IST

Er: Aber das habe ich doch garnicht verwendet!

Sie: Na ebend!

Er Schulter zuckend und ratlos.

Sie: Na du hättest ja auch sagen können:

Es geschah dereinst im kalten Mai

Da flog herum der Weiße Hai

Die Gans die IST ihm weg geflogen

Nun ist er um sein Mahl betrogen.

Das hättest du doch auch dichten können, und da ist nun mal ein IST drinne. Aber das hätte mir garantiert nicht gefallen!

Er: Wieso nicht? Das ist doch auch ein süßer Vierzeiler!

Sie: Aber der ist doch voller Gewalt. Fast schon blutrünstig, würde ich sagen.

Er Blutrünstig? Der fliegende Weiße Hai hat doch die dumme Gans garnicht erwischt!

Sie: Aber wenn er sie erwischt hätte, dann wäre das ein geflatter gewesen. Womöglich hätte sie noch nach ihrem Ganter geschrien und sich einen Flügel verstaucht …

Er: Tina, du spinnst! Was hätte ihr denn da noch ihr verstauchter Flügel genutzt?

Sie: Siehste! Na ebend garnichts! Die wäre einfach so umgekommen. Ihr Ganter-Gatte hätte ihr nicht mal helfen können. Der Hai hätte einfach nur „happs“ gemacht, ihr vielleicht noch einen Flügel abgebissen und auch den Kopf …. pfui wie blutig wäre das gewesen. …

Er: Aber Tina, er hat sie doch garnicht bekommen …

Sie: Und nun hungert der arme, kleine Hai. Und wer weiß, wann er nun mal wieder dazu kommt, so mir nichts, dir nichts herum zu fliegen. Das passiert ja gerade bei Weißen Haien sehr selten, dass sie hungrig herum fliegen.

Er: Tina, du hast mal wieder deine typisch bestechende Logik.

Sie: Na und deshalb ist ja auch dein Vierzeiler so schön. … Da kuscheln Gans und Gänserich in ihren weißen Federn. … Ach … das ist so romantisch. Das assoziiert bei mir gleich wieder Unschuld und Hochzeit ganz in weiß … ja, die ganze Zeile ist Erotik pur …. lass uns doch in die Federn flattern … ach das ist einfach nur schön!

Er: Aber dass er vorher versagt hat, das fällt dir nicht ein?

Sie Na, da kommt dann aber schon die ganze Erfahrung eines reifen Mannes durch, der ihr, in dem Moment, wo er glaubt nur zu versagen, seinen Arm anbietet und sie trotzdem eins drei fix verführt.

Er Also mit liebevoll verführen hat das ja nun auch nichts zu tun. Hast du schon mal gesehen, wie das der wilde Truthahn macht? Dagegen bewegen sich ja Kaninchen beim Sex in Slow-Motion.

Sie Na, das ist es doch. Der Gänserich verführt seine Gänsrine wie in einem Rollenspiel und sie kann das mitmachen, wenn sie will. … Und wie der wilde Truthahn knattern … heißt es. Da ist auch was animalisches drin, weißt du das?

Er Mh …. Ich dachte immer, Tiere hätten im allgemeinen was animalisches an sich.

Sie Aber gerade in dieser Zeile sagst du es. Das ist wild, hemmungslos, prickelnd. … und da hätte das Wörtchen IST einfach gestört! … Stell dir vor, du hättest gesagt: „Zur Gans da sprach der Gänserich – IST“ … Das wäre einfach zu viel gewesen. Zu viel Ausdruck, zu viel Kraft im ersten Teil. So aber baust du erst ganz langsam die Spannung auf und lässt es dann in einem großen Knall explodieren! Der Text ist ziemlich genial. Da ist ja alles drin. Sex, Erotik, Spannung, ob er das schafft, was der Ganter sich da vorgenommen hat, Wildheit, Zügellosigkeit … das ist einfach nur schöööön! … und IST hätte da an jeder Stelle im Text gestört!

Er Und ich hatte das mal nur so als Blödelreim für die Kirmis geschrieben, ohne mir was dabei zu denken…

Sie Nein, du denkst dir immer was dabei, wenn du Zeilen zu Papier … oder heute in den PC … bringst. Das sind auch Spannungen, die du in dir selbst lösen musst, um nicht unter zu gehen.

Er Na, kennst du denn das Ende? Was passiert mit den beiden?

Sie: Na, der Ganter wird sich in ihren wunderschönen Schwanenhals verlieben, wenn er das nicht längst schon gemacht hat. Bleiben Gänse denn nicht ein Leben lang zusammen? Sie werden ihre Gösselchen aufziehen und gemeinsam alt werden.

Er: Na gut, wenn du meinst. Ich hätte nie so viel in diese vier Zeilen hinein interpretiert. Wie gesagt, einfach nur ein Blödelreim.

Sie: Jetzt muss ich aber mal sauer werden mit dir! Du kennst mich lange genug und du weißt, dass ich der Meinung bin, mit den Gefühlen anderer spielt man nicht. Das wäre einfach nicht fair.

Er: Wird aber in der Werbung jeden Tag gemacht. Was hältst du von diesem Ende:

Die Gänsrine sah ihn an

Und sprach: Bist du ein Gänse-Mann?

Dann IST mir dieses heut zu viel,

weil ich schon mit dem Truthahn spiel!

Sie: Also das gefällt mir ja auch. Und gerade weil du das Wörtchen IST da an der Stelle so intelligent eingesetzt hast …

Er Tina! Das ist nur ein Blödel-Reim!

Sie: …. aber ich kann doch träumen …

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