Das Berliner Original

Tinas freier Tag

In Texte on Dezember 7, 2014 at 6:43 pm

Rolf Gänsrich am 27.7.05

Schon seit Wochen hatte sich Tina auf ihren freien Tag gefreut! Sie könnte bis in den Morgen hinein mit Udo guten Sex haben, anschließend mal richtig ausschlafen, sie könnte durch wunderbar leere Geschäfte shoppen, sich am Nachmittag im Mauerpark die Sonne auf den Pelz brennen lassen und am Abend mit ihrer Freundin Ulrike gemütlich in einem Biergarten das ganze ausklingen lassen. Ein wunderbarer Tag, denn morgen war es soweit. Tina schloss nach Feierabend rasch den Laden ab, erwischte sogar noch die S-Bahn um dreizehn nach und war bereits kurz vor zwanzig Uhr zu hause.

Wer nicht da war, war Udo. Sie merkte es, als sie in ihre Wohnung kam. … Diese Stille … alles noch genauso, wie sie es morgens verlassen hatte …

Statt dessen bemerkte Tina einen Anruf auf dem AB! Udo, offenbar mit einem „Knoten in der Zunge“ faselte etwas von Auto kaputt und von dem Abstecher zu Peter, der ihm am Wagen sicher helfen könne und sie solle sich keine Sorgen machen, er komme bald.

Tina machte den Fernseher im Wohnzimmer an, damit die Stille in der Wohnung nicht mehr ganz so erdrückte, packte in der Küche ihre tagsüber erledigten Einkäufe aus, deckte den Abendbrottisch in der Eßecke auf dem Balkon und nahm anschließend noch ein ausgiebiges Bad.

Die Zeit verrann. Als es draußen dunkel war, räumte sie den Balkon auf, setzte sich allein an den kleinen Tisch in der Küche und verzehrte ein paar Brote. Anschließend lümmelte sie sich in ihrem großen Wohn- und Schlafzimmer aufs Sofa und zappte, alle Kanäle des Fernsehers der Reihe nach durch. Was sie interessierte, da blieb sie hängen und allmählich döste sie hinweg.

… Der Fernseher … die ideale Einschlafhilfe!

Der Kriegslärm des Nahen Ostens ballerte, per ARD, gerade mitten hinein in ihr Zimmer, als sie von Geräuschen aus Richtung Wohnungstür aufgeschreckt wurde. Nach mehrmaligem poltern im Hausflur, wurde im Schloss ihrer Wohnungstür herumgewerkelt und die Tür auch geöffnet.

Tinas Schlaftrunkenheit war verflogen, als Udo, freudestrahlend, mit einem riesigen Strauß Rosen in der Hand, wankend, sich mit der anderen Hand im Türrahmen des Zimmers festklammernd, vor ihr stand. Seine Alkoholfahne trug er wie eine Standarte vorne weg.

Sss hat‘n bischen länger gedauert! Peter … rülps … guckt sich den Wagen morgen an!“ Udo, setzte sich in den ersten Sessel, den er greifen konnte, schaute sie nochmals mit glasigen Augen an, legte dann den Kopf zur Seite und schlief im nächsten Moment ein.

So hatte sie sich diesen Abend nicht vorgestellt. So nicht! Wütend ließ sie Udo dort, wo er war, dann verschwand sie nochmals kurz auf der Toilette, zog sich ihr Nachthemd über, kletterte dann auf das Hochbett im Zimmer, ließ den Fernseher, per Timer, noch eine Viertelstunde laufen und versank später in tiefem Schlaf.

Mitten in der Nacht wurde sie durch sehr nahen Alkoholdunst geweckt. Udo drängelte sich von hinten an sie heran. Vorsichtig, weil er dachte, sie schliefe, versuchte er mit der Hand ihre Beine im Schritt etwas zu spreizen, … aber genau in diesem Moment wurde Tina hellwach. Wie eine Furie setzte sie sich urplötzlich im Bett auf und bläkte ihn an: „Du Mistsau! Fick doch deinen bescheuerten Peter und verschwinde aus meinem Bett!“ Irgend etwas, in seinen nicht vorhandenen Bart brummend, hievte sich Udo vom Hochbett, dann rumorte es wenig später unter ihr auf der Fernseh-Couch und noch ein wenig später schnarchte Udo unter ihr laut.

Damit war für Tina die Nacht erledigt. Mit jedem Atemzug … und jedem Schnarcher von Udo … wurde sie nur noch wütender, und Udo schien heute den gesamten Grunewald absägen zu wollen. … .

Erst gegen morgen, nachdem Udo geräuschvoll die Wohnung verlassen hatte, um arbeiten zu gehen, dämmerte Tina hinweg und schlief schließlich ein.

….. aber nicht lange! …

Berlin erwachte. Ihre kleine Wohnung in der zweiten Etage, Vorderhaus, lag zwar in einer Nebenstrasse jedoch war die nächste Hauptstrasse von ihrem Balkon aus einzusehen und deren zunehmender Lärm brach sich an der Fassade des Hauses gegenüber. Tina wurde das erste mal geweckt von der Hupe eines PKW und dem Ruf: „Yvonne, kommste jetzt?“

Tina war kaum wieder hinweg gedämmert, als der Getränkemarkt im Nebenhaus offenbar Ware bekam. Erst rumpelte der schwere LKW durch ihre Strasse, hielt laut zischend und pfeifend dank Druckluftbremsen, dann rumpelten Hubwagenräder mit Euro-Paletten über den Gehweg und, trotz überwiegend P.E.T., klapperten zu allem Überfluss auch noch irgendwelche Wein- (?) – Flaschen.

Ab etwa halb acht mehrte sich der Lärm von Kindern, Tinas Pech an diesem Morgen, denn ihr Haus lag in der „Einflugschneise“ einer Grundschule einige hundert Meter die Straße hinauf.

Das Tatüü-Tataa einer fernen Polizeisirene trieb sie endgültig aus dem Bett.

Schlaftrunken schlurfte sie ins Bad, formte mit den Händen auf ihrem Kopf irgendeine Wuschel-Frisur und setzte gerade ihre Zahnbürste an die Lippen, als es an der Wohnungstür klingelte. Sich nur schnell einen Bademantel überwerfend, öffnete sie. Vor ihr standen zwei Gestalten, ein Mann und eine Frau. Während der Mann ihr eine Zeitschrift mit dem Titel „Der Wachturm“ entgegenhielt, flötete die Frau ihr ein „erwachet!“ entgegen.

Nein,“ sagte Tina, „ich kaufe nix und ich werde mit ihnen jetzt auch nicht über Gott sprechen und deshalb wiederzukommen brauchen sie auch nicht.“

Ihrer Argumente beraubt, verstummten die beiden Gestalten sofort und wendeten sich ab. Beim schließen ihrer Wohnungstür fragte sich Tina, wer zum Teufel diese beiden wohl ins Haus gelassen haben konnte, denn die Haustür war IMMER zu, wenn Tina kam.

Sie war kaum im Bad, als sie die Antwort auf diese Frage indirekt bekam. Im Innenhof des Hauses polterten lautstark die Müllcontainer.

Den anderen ooch!“, hörte sie eine kräftige Männerstimme, was sich wohl auf den anderen Müllcontainer bezog.

Als sie kurz darauf in ihrer kleinen Küche frühstückte und bei „r.s. 2“ dieselbe Musikschlaufe, wie schon in den letzten zwei Wochen lief, klingelte es erneut an ihrer Wohnungstür. An der Wechselsprechanlage meldete sich aber niemand und auch vor ihrer Tür stand keiner, lediglich Gepolter im Hausflur zeigte ihr, dass dort wohl irgendwer zugange war.

Bis zum späten Vormittag hatte sie einige male den Türsummer betätigt, wobei sich nur eine Person, ein Zusteller der PIN-AG, bei ihr über die Sprechanlage bedankte, außerdem nahm sie von der Deutschen Post noch zwei Päckchen für Frau Meier im Hinterhaus und ein Paket für Herrn Lehmann im linken Seitenflügel entgegen.

Gegen Halbelf wollte man ihr an der Wohnungstür ein Zeitungs-Abo verkaufen, um elf sammelte die Volkssolidarität und kurz darauf stand jemand von einem Telekommunikationsunternehmen vor ihr, der ihr erklären wollte, warum man gerade mit „Tele 2“ besser telefoniert.

Zu irgend etwas gekommen war Tina an diesem Vormittag bislang nicht. Allmählich wurde ihr klar, weshalb Arbeitslose nie Zeit haben.

Als es um kurz vor zwölf erneut bei ihr an der Wohnungstür klingelte und sie nun schon wutschnaubend öffnete, stand plötzlich der Hausmeister vor ihr. Ob er mal zu ihr rein kommen könne, denn irgendein anderer Mieter habe sich beschwert darüber, dass das Kabelfernsehen vormittags ständig bei ihm ausfalle und nun wolle er, der Hausmeister, mal von einer anderen Stelle im Haus die Kabel durch-checken. Tina ließ ihn ein.

Als sie dem Hausmeister, aus lauter Höflichkeit, nach einer halben Stunde Arbeit, wobei er bei ihr im Wohnzimmer natürlich Dreck hinterließ, in der Küche ein Glas Wasser anbot, sah dieser sich nun seinerseits genötigt, ihr noch schnell, so nebenbei, ihren tropfenden Wasser-Abfluß in der Spühle zu reparieren, was eine weitere halbe Stunde dauerte und gleichfalls Dreck, nun aber in der Küche, verursachte.

Mittlerweile war die Mittagszeit fast vorbei und Tina knurrte der Magen. Deshalb bestellte sie sich telefonisch eine Pizza.

Es ging bereits auf 14 Uhr zu, als die Pizza kam. … Mh … lecker! Ihr „tropfte der Zahn“. Also nichts wie Pizza aus der Schachtel nehmen, auf einen Teller legen, Besteck gegriffen und raus auf den Balkon! …

In diesem Moment klingelte das Telefon.

Ulrike am anderen Ende. Sie habe sich gestern mit Peter gestritten und nun gehe es ihr heute nicht so gut, ob sie nicht beide an einem anderen Abend ein schönes Glas Wein trinken könnten, sie müsse sich heute wieder mit Peter … Tina verstehe doch. …. und Tina verstand.

Die Pizza war mittlerweile kalt.

Kein Problem. Ab damit und zehn Minuten in den Herd. …

Tina saß kaum wieder auf dem Balkon, Tina hatte gerade mal einige Bissen der Pizza verzehrt, als sie von der Straßenseite gegenüber ein „Hu-hu! Machst du uns auf?“ hörte.

Ihre Eltern.

Nicht auch noch die!

Tina ging zur Wohnungstür, betätigte den Summer und hörte schon, wie ihre Mutter, mit ihrer durchdringend nervigen Stimme, die an Angela Merkel oder eher an Verona Feldbusch erinnerte, schon auf dem Hausflur flötete: „Setz schon mal Kaffee auf, wir haben leckeren Kuchen mitgebracht!“

Dass Tina täglich auf Arbeit jede Menge Kuchen um sich herum hatte und sie nicht auch noch an ihrem freien Tag damit zu tun haben wollte, hatte Mutti wohl nicht bedacht.

So, Püppi,“ hob ihr Vater in der Wohnung an, „wir dachten, wir besuchen dich mal an deinem freien Tag, Püppi.“

Tina hasste die Anrede „Püppi“ durch ihre Eltern. „Püppi“ war seit einem Jahr über vierzig! „Püppi“ hätte selbst schon fast Großmutter sein können, wenn sie gewollt hätte, aber das vergaßen ihre Eltern immer und immer wieder.

In den nun folgenden Stunden erzählten ihr ihre Eltern haarklein den neuesten Familientratsch, darunter genau acht mal, was ihre bescheuerte drei-jährige Nichte Stefanie alles gesagt, getan, gemacht hatte, … mehrmalige Wiederholungen dieser Vorgänge in diesen Stunden nicht inbegriffen.

… Die sah dann sooo süß aus, mit der ganzen Schokolade im Gesicht und in den Haaren… wirklich, sooo süß ….!“

Ihre Eltern waren gerade gegangen und Tina hatte die angefangene Pizza, auf die sie heute nun wirklich keine Lust mehr hatte, im Kühlschrank verstaut, als sie sich des 17-Uhr-Termins mit ihrem Versicherungsvertreter bei ihr in der Wohnung entsann.

Ach, hallo, Herr Damaschke, da sind sie ja schon! Sie wollten mit mir über die aktuellen Änderungen in meiner Auto-Haftpflicht reden? Na, dann kommen sie mal rein.“

Herr Damaschke hatte viele Änderungen. Und Herr Damschke hatte wohl auch Zeit. So kochte Tina einen Kaffee und noch einen Kaffee … …

Kurz vor neunzehn Uhr ging er wohl, denn als Tina sich, zur Entspannung, vor ihrem Fernseher in die Polster der Couch fallen ließ, liefen die „heute-Nachtichten“ im ZDF gerade an.

Kurz darauf kam Udo von Arbeit. Er brauchte Tina nicht erst lange zu überreden, sich noch mit ihm gemütlich in das Kaffee, direkt am Stadtpark, zu setzen. Als sie schließlich das erste Glas Rotwein in der Hand hatte, fragte er sie: „Und, wie war es heute?“

Darauf Tina: „Ich nehm‘ nie wieder einen freien Tag!“

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