Das Berliner Original

Tinas Dialog

In Texte on November 3, 2014 at 6:30 pm

Rolf Gänsrich am 30./31.5./1.6.06

Er: Hallo Tina! Was ist denn los, dass du abends nach acht unangekündigt bei mir vorbei schneist?

Sie: Es geht mir ja heute so schlecht!

Er: Wieder Stress auf Arbeit?

Sie: Ja, wie immer!

Er: Tja, deine Chefin hat es nicht leicht mit dir!

Sie: Na, ich mit ihr aber auch nicht! Alles fing mit der Eröffnung dieser blöden neuen Bahnhöfe vor einigen Tagen an. Du erinnerst dich doch noch.

Er: Ja, am Samstag sind wir zuerst zum Südkreuz gefahren. Haben uns den Bahnhof angekuckt, dann wollten wir weiter, uns den neuen Hauptbahnhof ansehen und auch noch die neuen Fernbahnsteige in Gesundbrunnen. … Wo warst du eigentlich?

Sie: Na, du warst plötzlich weg! Dich erwischte es auf dem Ringbahnsteig, als wir aus der S-Bahn am Südkreuz ausstiegen. Du meintest, dir würde der Geruch auf dem Bahnhof bekannt vorkommen und weg warst du!

Er: Tja, ich bin immer nur der Nase nach. Und plötzlich, unten auf dem neuen Fernbahnsteig, stand sie vor mir, wie aus einer anderen Welt und so vollkommen unpassend auf dem neuen Bahnhof! Eine echte Dampflok … eine 03 … stand da, qualmte so vor sich hin, dann sah ich dich nochmals kurz oben auf der Treppe und als ich mitbekam, dass der Zug in zehn Minuten abfährt, habe ich mich unter die anderen Leute dort gemischt….

Sie: Da sah ich dich auch, letztmalig. Du hattest einen so absonderlichen Glanz in den Augen … wie beim Sex mit mir!

Er: … plötzlich nahm der Heizer seine Schaufel, die Lok pfiff und dampfte donnernd los! Das war ein Anblick, sage ich dir … das Gestänge, wie die Beine von Claudia Schiffer, so elegant und weich und wie aus einer anderen Welt …. Dampfloks sind doch etwas wunderbares …

Sie: Und du warst weg! Also bin ich wieder auf den oberen Bahnsteig. Da traf ich aber zufällig nur auf meine neue Chefin. Die war mit ihrem Mann und ihren Kindern da. Sind ihre Kinder süß, so richtig süß, so wie Kinder eben immer sind. Sie hat ja auch einen tollen Mann. Wir haben dann zusammen einen Rotwein getrunken und weil ich dich dann immer noch nirgends entdeckt habe, bin ich wieder zu mir nach hause gefahren.

Er: … und du kannst dir überhaupt nicht vorstellen, wie das ratterte und flatterte, …. Na, Dampfloks leben eben. … Sag mal, als du mich nicht mehr gefunden hast, warum hast du mich nicht auf deinem Handy versucht anzurufen? Du hast es doch immer da bei?

Ich war doch nur da unten bei der Dampflok, die ihre schwarzen Rauchschwaden in den Himmel schickte …

Sie: Ja, aber du weißt doch, dass ich mein Handy nie anmache, wenn ich unterwegs bin. Na und so habe ich dann auch den Sonntag verbracht. Ich war zu hause und habe über meine Chefin gegrübelt. Du weißt doch, dass ich die erst seit Anfang des Monats habe. Aber mit der habe ich genau die selben Schwierigkeiten, wie mit meiner alten. Als ich dann am Montag früh zur Arbeit kam, war die schon längst da. Die muss ja schon vor halb sieben da gewesen sein. Sie hat mir’n Kaffee gemacht und ich soll sie jetzt zwar weiter mit „Sie“ anreden, aber ansonsten, „Simone“ sagen. Und als wir uns ausgesprochen hatten, hat sie mir die erste Post zum abarbeiten gegeben.

Er: Du weißt ja, früher schon als Kind wollte ich unbedingt Lokführer auf einer Dampflok werden. Da durfte man sich so richtig schön dreckig machen.

Sie: … Ja und zum Mittag hat sie mich zwar gehen lassen, aber ich musste Montag die ganze Wochenendpost abarbeiten. Die ganze! Auch die E-Mails! Ich musste sogar zwanzig Minuten länger bleiben, als ich wollte. Ist zwar nur Gleitzeit, aber so habe ich mir das nicht vorgestellt.

Er: Ich dachte ja immer, eine Dampflok ist überall heiß, aber die Windleitbleche sind es zum Beispiel nicht. Hab die extra angefasst!

Sie: Und nun stell dir mal vor, den ganzen Rest der Woche war meine Chefin auch jeden Tag eher im Büro, als ich! Jeden Tag! Die muss doch schon morgens um sechs bei sich zu hause losfahren! Na und unser Praktikant, der Dietmar, lässt sich immer erst um neune blicken. Da bin ich dann die ganze Zeit lang mit meiner Chefin alleine!

Er: Du kennst doch auch die Harzquerbahn! Da bin ich mal vor Jahren auf dem Führerstand einer Dampflok mitgefahren! So’ne Dampflok ist ja ein ganzes Kraftwerk auf Rädern. Das merkt man auch!

Sie: Und nicht nur, dass die auch immer wieder kontrolliert, was ich so mache, nein, sie weist den Praktikanten auch noch selber an! Das musst du dir mal vorstellen!

Er: … und wenn das dann rattert und schnauft und die Scheiben flattern …

Sie: Ich konnte nie pünktlich gehen. Immer musste ich zum Supermarkt hetzten, bevor ich dann mit hängender Zunge nach hause gehechelt kam, um “Verliebt in Berlin” zu sehen. Ein ganz schöner Stress ist das!

Er: … und wenn das dann so rattert und schnauft und so herrlich nach Dampflok stinkt, dann merkt man doch erst, was Leben ist.

Sie: Schön, dass ich mich bei dir wieder ausquatschen konnte. Du bist wenigstens immer da für mich! Na, zum Glück habe ich ja in drei Wochen auch endlich Urlaub.

Er: Und dann reisen wir gemeinsam nach Rügen … Dampflok fahren!

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