Das Berliner Original

Stulle mit Brot

In Texte on Oktober 12, 2014 at 8:04 pm

Rolf Gänsrich am 11.8.09

Ich saß auf einer Bank am kleinen Weiher, als ich sie kommen hörte! Vier schlurfende Schuhe auf grauem Beton! Der eine sagte nur „Ja, ja! … Ja, ja!“, und nickte dabei. Das alte DDR-Elastik-Netz voller Billig-Bier, schlenkerte bei jedem Schritt des einen gewaltig und schlug dem anderen in dessen Kniekehle! Für mich war es nur noch eine Frage der Zeit, wann die Flaschenhälse, die aus den Maschen des Netzes lukten, gegen irgendeinen harten Gegenstand stießen und abbrachen. Die andere Gestalt trug einen dieser bunten Kittel-Schürzen-Beutel in dem gleichfalls bei jedem Schritt Glas auf Glas schlug. Wie Brotkrumen so tröpfelte eine Flüssigkeit aus ihm heraus. In der anderen Hand hielten beide Männer eine bereits geöffnete Bierflasche, die sie wie eine Standarte vor sich her trugen. Das sie taumelten, konnte also nicht unbedingt an der Sommer-Sonne liegen.

Nur zwei Parkbänke neben mir stolperte der eine der beiden mächtig, was ihn folgerichtig zu dem Entschluss führte, sich auf diese Bank zu setzen.

Ja, ja, ja!”, sagte der andere nochmals!

Beide stierten sich an, der eine sitzend, der andere, schwankend im stehen, wobei weiterhin Bierflaschenhälse aneinander schlugen. “Ja,ja, ja!”, wiederholte er!

Den ersteren, Sitzenden, schien nun die Erzähl-Laune gepackt zu haben!

Und denn hat meine Olle jesacht! – Hicks! – Und denn hat meine Olle jesacht! – Hicks! – Meene Olle hat jesacht! – Hicks!”

Na, wat hat denn nu deine Olle jesacht?”, fragte der andere ungeduldig nach!

Det kann se dir gleich selber sagen!”, erwiderte der erste und schaute vage in die Richtung, aus der beide gekommen waren.

Ja, ja, ja!”, sagte der andere!

In diesem Moment kam aus jener Richtung eine schlecht blondierte Frau undefinierbaren Alters, nicht ganz gerade den Weg entlang. Schon aus zehn Metern Entfernung roch ich Aldi-Deo, Urin, Haarspray, Schweiß und Fusel!

Du musst ooch mal wat essen!”, kreischte sie angesichts der beiden Herren und ließ ihren fetten Arsch auf die Bank fallen! “Du musst ooch mal wat essen! Det sach ick dir immer wieder!”

Mach ick doch!”, sagte der erstere der Herren. “Ick fresse jeden morgen eene Schrippe uff nüchtern’n Magen!”, und bei diesen Worten entkleidete er seine “Madame” fast mit den Augen. Sie jedoch schüttelte sich angewidert, öffnete ihre knallrote, abgelederte Handtasche aus der Lippenstift, Tampons und eine Flasche Cinzano fiehlen, setzte die Flasche an den Hals, nahm einen gewältigen Schluck Wermuth und versuchte dann mit zitteriger Hand ihr Lippen-Rouge nachzuziehen.

Der stehende Herr konsternierte: “Ick hab schon mal so ‘ne Radieschen-Stulle jejessen … so mit echte Radischen! Ja, ja, ja!” “Ha ick ooch schon!”, sagte der sitzende. “Aba da hat det so zwischen die Zähne jeknackt … von die Radieschen!”

Quatsch!”, sagte die Frau und entblößte bei breitem Grinsen ihren Zahnlosen Mund! “Da knackten nur deine morschen Jacketkronen! Det haste davon jehabt! Ick wunder mir sowieso jeden Morjen, warum deine Zahnbürste feucht is! Hast doch janischt mehr inne Fresse!”

Das Gekicher der Frau und des stehenden Mannes, der sich gerade sehr offen das Gemächt kratzte, glich eher einem Pferdegewieher, als einem Gelächter. Mit hochrotem Kopf nestelte die “Dame” am Verschluss ihrer Hose und entschwand hinter einer kleinen Tanne!

Ick hab ooch schon mal wat anderet jejessen!”, erwiderte der, auf dessen Kosten der Scherz eben gegangen war! “Kennste so Milchreis?”, fragte er den Stehenden und setzte nach: “Na Milchreis!? … So zum essen?”

Bei dem Stehenden wusste ich nicht, ob er nur wankte oder ob der tatsächlich seinen Kopf schüttelte.

Mensch so Mülchreis! … Da machste die Tüte uff und drückst den so uff’n Teller!”

Madame hatte in der zwischenzeit ihren Lidstrich nachgezogen und kam hinter der Tanne wieder hervor!

Mönsch du kennst doch Mülchreis!”

Wohl nur um seine Ruhe zu haben, sagte der Angegriffene: “Ja, ja, ja! Kenn ick doch! Is doch det selbe wie Griesbrei! … Nöö, aber am liebsten ess ick so Stulle mit Radieschen! Det knackt immer so schön zwischen die Zähne!”

Der Sitzende, der wohl in diesem Moment im Sitzen urinierte, denn irgendeine Flüssigkeit lief dort die Bank entlang … ich konnte es sehen … griff sich die Cinzano-Flasche, nahm einen Hieb daraus und sagte: “Ha-ick doch, ha-hick doch! Ha-ick doch allet schon mal jemacht! Sojar Stulle mit – Hicks – Stulle mit – hicks – Stulle mit Brot ha-ick jejessen!” und bestätigte dies durch ein ausgiebig kräftiges Nicken mit dem Kopf! “Und Teewurscht,” setzte er nach, “Teewurscht kann man ooch essen!”

Hier nickten alle! “Ja, ja, ja!”, sagte der Stehende, der sich wieder wo kratzte!

Ick hab ooch schon mal Bauernmettwurscht jejessen!” Wieder nickten alle und die Dame setzte nach längerem überlegen, einem tiefen Schluck Cinzano und einem Lippennachziehen hinzu: “Gold-Broiler hab ick ooch schon mal jejessen!” Alle drei nickten friedlich! Ja, Gold-Broiler hatten wohl alle drei schon mal gegessen!

Während nun sie sich auf ihn und er sich auf sie stützten, standen die beiden Sitzenden auf. Die Flasche Cinzano kreiste, die Bierflaschen klirrten und sie schlurften davon. Während sie sich allmählich von mir entfernten, hörte ich, wie sie sagte: “Und bei dem Broiler waren Pommes-Frites …. die hab ick ooch jejessen!” Zustimmendes Gemurmel der anderen folgte.

Der eine Herr kratzte sich indes erneut wo! “Letztens hab ick irgendwo Glüh-Birnen jekooft!” Der andere unterbrach ihn, und es waren die letzten Worte, die ich hier verstand: “Glüh-Birnen kann man NICHT essen! … Nee, kann man nicht!” “Ja, ja, … ja-ja!”

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