Das Berliner Original

Schöner Wohnen III (Babytrommeln)

In Texte on August 3, 2014 at 5:01 pm

Rolf Gänsrich am 25./26.9.06

Ich hatte mich dazu durchgerungen, nun heute abend doch noch die jüngste und aktuelle Post meines Vermieters zu öffnen, als es an meiner Wohnungstür schellte. Vier Leitz-Ordner Papier waren in den Monaten seit Beginn der Reco im Haus im Juli 2005 angefallen! Da ich weiß, Papier ist geduldig, wunderte ich mich allmählich nicht mehr weiter, über den Fleiß, mit dem man mich hier postalisch traktierte. Ach, wenn sie doch nur mit ihren Bauarbeiten so eifrig wären, wie mit ihren Briefen …! Das Gerüst am Haus stand schon seit Beginn der Baumaßnahmen felsenfest, die offenen Kabel-Enden in den … offenen Schächten im Hausflur korrodierten bereits und auf den Paletten mit Schutt und Baumaterialien im Innenhof moderte noch das Laub vom Vorjahr vor sich hin.

Nun gut, ein Tag mehr oder weniger macht auch nichts, … man kann ja auch morgen früh noch antworten!‘, dachte ich und öffnete meine Wohnungstür. Tina begrüßte mich strahlend!

Kommst du mit?“, fragte sie? „Wohin?“, fragte ich! „Na zur Live-Musik bei Martin! Das haben wir doch erst gestern besprochen!“, klagte sie.

Ich grübelte. Ich wusste noch, ich hatte gestern sehr vielen Leuten zugehört! Meiner Mutter, Antje, zwei Stunden lang meinem Vermieter, dem Rechtsanwalt meines Vermieters, meinem Rechtsanwalt, der Allianz-Vertreterin, Coco hatte mal wieder meine Warzen besprochen, und allmählich dämmerte mir, dass ich wohl auch mit Tina gesprochen hatte! Also deutete ich ein vages Nicken an! „Jaaaa!“, sagte ich abwartend.

Wir wollten zum Baby-Trommeln!“, half Tina mir auf die Sprünge!

Ach ja, ach ja, ach ja!“, unterbrach ich sie. „Und warum?“, fragte ich.

Na wegen der Live-Musik!!!!!“, kreischte Tina.

Tina! Das will ich überhaupt nicht einsehen!“, stutzte ich sie zurecht und verächtlich schob ich nach:

Baby-Trommeln … Pah! Die haben doch überhaupt noch keinen Resonanz-Körper! Wenn es Rentner-Trommeln wäre, würde ich das ja einsehen, Rentner sind so wie ein alter Wein schon gut abgelagert, abgehangen oder so! Die klingen doch wenigstens, rasseln, husten oder bedienen die Fernbedienung nebenbei! Aber Baby’s, die sind doch noch vollkommen unreif und haben einfach keinen Resonanzboden!“

Du verstehst mich einfach nicht!“, wimmerte Tina, machte auf dem Treppenabsatz kehrt und verabschiedete sich mit einem: „Dann geh ich eben allein zum Babytrommeln bei Martin und du sieh zu, wer dir heute die Briefe deines Vermieters in Umgangssprache übersetzt!“

Ich schreib dir heut’ne E-Mail, Schatz!“, rief ich ihr noch nach. Dann war ich wieder allein!

Sofort öffnete ich den dicken A-3-Umschlag, den mir mein Vermieter zugeschickt hatte. Auf den folgenden zweiundvierzig Seiten las ich etliche male: „… Und unser Vorschlag lautet: sie zahlen nur gut fünfzig Prozent!“

Im siebenundvierzig Seiten langen Anhang versprach man mir obendrein ein Zeitungs-Abo für eine monatliche Heimwerkerzeitschrift, einen do-it-youself-Grund-Aufbau-und-Erweiterungskurs an der Volkshochschule, einen gratis Farb-Mix-und-Rühr-Quirl sowie einen „Tumpler“, … was immer das auch sein mochte. „Hört sich gut an!“, dachte ich voreilig und unterschrieb endlich diese, nun achtundsiebzigste Fassung meiner Modernisierungsvereinbarung!

Ein gutes Jahr später, mittlerweile war ich mit Tina zu manch komischer Live-Veranstaltung gelatscht, wie zum Beispiel „Babytrommeln für Senioren“, „Beamten-Schnorcheln“ oder „Politiker-Kegeln“, auch hatte ich meine Heimwerkerkenntnisse, zumindest in der Theorie, extrem erweitert, klingelten eines Morgens ganz plötzlich und unerwartet ein paar Bauarbeiter an meiner Wohnungstür.

Wir sind da!“, sagten sie lächelnd. Ihre nagelneuen Overalls leuchteten und an den scharfkantigen Bügelfalten hätte man Eier aufschlagen können. Ohne weitere Einwände meinerseits abzuwarten, drängelte sich die Verwalterin unseres Hauses in meine Küche, okkupierte mit den Handwerken meine Sitzecke, machte meine Kaffeemaschine startklar und schmierte mit dem Inhalt meines Kühlschrankes Brote für alle Anwesenden!

Aufmunternd nickte sie mir zu! „Na dann legen sie mal los!“

Womit?“, fragte ich. „Das stand doch alles in der Modernisierungsvereinbarung!“, sagte sie. Ich guckte blöd und nahm mir eines der geschmierten Brote, bevor sie weiter redete!

Sie zahlen zu ihrer bisherigen Warmmiete für die gesamte Reco in ihrer Wohnung im nachhinein nur gute fünfzig Prozent zusätzlich! Wir beaufsichtigen dafür ihre arbeiten, die sie unter unserer Anleitung in ihrer Wohnung durchführen! Für das von uns verauslagte Material haben wir uns die Freiheit genommen, von ihrem Konto die geringe Summe von 8.573,62 €uro abzubuchen!“

Gut!“, sagte ich. „Kann ich dann anfangen?“ Während meine Hausverwalterin meinen Rumtopf auf alle Bauarbeiter aufteilte, nickten diese mir wohlwollend zu.

In den nächsten zwei Wochen ging es endlich zügig voran! Am Tag werkelte ich, Abends machte ich die Einkäufe, Nachts schleppte ich Schutt und am frühen Morgen baute ich mir ein Nachtlager auf dem Tapeziertisch! Ich verkabelte die Wasserleitungen, lüftete die Gasrohre, verschloss sicherheitshalber die Entwässerung, ich schraubte einen Trabs an den Elektrozähler, baute mir auf dem Balkon ein Gasometer für meine Methan-Abfälle, ich tapezierte den Boden und flieste mein Bett, behandelte meine Fische mit Anti-Schuppen-Shampoo, mein Gasherd bekam einen Blitzableiter, die Fallrohre Laminat und das stille Örtchen bekam eine Dunstabzugshaube!

Als ich schließlich meine Wohnung sauber und ordentlich saniert hatte, kam schließlich der Oberbauleiter meines Vermieters. Er beglückwünschte mich aufs Heftigste und überreichte mir meine neue Mieterhöhung, die nicht nur bei fünfzig sondern gar bei siebzig Prozent mehr als bisher lag.

Nach all dieser Anstrengung und um mich auch wieder ein wenig von ihr aufpäppeln zu lassen, zog ich schließlich für ein paar Tage zu Tina!

Nur vierundzwanzig Stunden später bekam sie ihre erste Modernisierungsankündigung!

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