Das Berliner Original

Radio

In Texte on Juli 7, 2014 at 6:46 pm

Radio

Rolf Gänsrich am 26.7.06 (18.15 – 19.50 + 20.30 – 21.10) + 27.7.06 (11.30 – 12.30) + 28.7. (12.15 – 14.15) + 29.7. (18.30 – 20.15) + 30.7.06 (22.15 – 23.00) + 31.7. (11.30 – 12.00)

 

Ich habe in meiner Küche ein Radio! Also ich hatte mal ein Radio in meiner Küche, heute habe ich nur noch eine kleine Quake. Es ist toll, wenn man beim kochen, putzen und am Fahrrad bauen, irgendetwas hat, das wenigstens halbwegs angenehme Geräusche macht und mich so ganz nebenbei mit dem Neuesten aus aller Welt in Form von Nachrichten versorgt. Im Gegensatz zu Fernseher oder Computer, vor die man sich statisch setzen muss, kann man sich beim Radio bewegen. Man kann auch beim Radio statisch sitzen und den achten Cappuccino oder die sechste grüne Weiße schlürfen, aber man ist beim Radio irgendwie mobiler!

Mein Radio in der Küche hatte Bässe, weil es ein Holzgehäuse hatte. Es hatte über zwanzig Sender, und ganz am Ende der Skala, fest eingestellt, auch Jazz-FM.

Jazz-Radio höre ich am liebsten. Nette Stimmen, die nicht weiter stören, tolle Big-Bands, mitreißender Swing … … .

Mein Radio hatte auch noch Röhren, weshalb es nach fünfundvierzig fast ununterbrochenen Betriebsjahren vor kurzem seinen Geist aufgab und nun mit Benny Goodman und Ray Conniff im Radio-Himmel swingt.

Seitdem habe ich diese “Quake”.

 

Die “Quake” ist etwas mehr als Taschenrechner groß, nennt sich großspurig “Fernempfänger”, zeigt mir die aktuelle Temperatur in Grad-Celsius und Farenheit an, hat einen Sleep-Timer, einen Time-Coder, einen Minute-Alarm, eine Uhrzeit-Anzeige und manchmal tickt es sogar verdächtig, so dass ich nicht übel Lust bekomme, die Quake ans Weiße Haus zu schicken. Eines hat jedoch die Quake nicht: eine auf Dauer fest einstellbare und obendrein auch noch irgendwo ablesbare UKW-Frequenz. Deshalb verbringe ich jeden Tag etwa eine halbe Stunde damit, mich durch den Berliner Radio-Einheitswust zu tasten.

 

Ich weiß nicht, Scheering wird wohl ganze Wagenladungen an Psychopharmaka bei den Moderatoren absetzen. Kein Mensch kann doch andauernd soooo guuuut gelaunt sein, wie die Radio-Moderatoren. … Oder halt Drogen!

Es heißt, es gäbe in Berlin ein Drogenproblem! Ich seh da kein Problem! Ist doch alles da!”, tönte einst Lord Knud in meinem … Radio!

 

Die Sender unterscheiden sich heute nur wenig, weshalb es so schwierig ist, ohne Skala, zu wissen, auf welcher Frequenz man sich gerade befindet. Aber es gibt von vornherein zwei große Gruppen. Die einen machen drei mal pro Stunde fünf Minuten Werbung die anderen nur zweimal mit je sieben-einhalb Minuten. In jedem Falle und für meinen Geschmack, zu viel.

 

 

 

(verstellte Stimmen:)

Ja und hier sind wir wieder … mit den größten Hits der 70-er, 80-er und 90-er Jahre!”

Es geht weiter mit ihren Wunschhits der 80-er, 70-er und 60-er!”

 

Es gibt noch weitere Sendergruppen! Einige wiederholen ihre Musikschleifen bereits nach drei Stunden, andere erst nach vier-einhalb!

 

(verstellte Stimmen:)

Und schon machen wir weiter mit den Super-Oldies und dem besten von heute!” … wobei das Beste von heute schon wieder mindestens fünf Jahre alt ist! Ich frage mich dabei jedesmal, wer denen, verdammt noch mal, ihre Hitparaden schreibt!

Vermutlich die Chefs von Media-Markt und Saturn!

 

(verstellte Stimmen:)

Machen sie mit und erraten sie auch heute das Geräusch! Rufen sie JETZT an unter der 0190 – 0 8 15! … Und hier ist das Geräusch!” … Quak-Quak! … “Wer ist bitte am anderen Ende?”

Ich bin Lilli Ledig!”

Schön Lilli! Möchten sie das Geräusch nochmals hören?”

Ja bitte!” … Quak-Quak! …

Hallo Lilli Ledig! Wer bitte macht ‘Quak-Quak!’?”

Eine Elster!”

Na das können wir gerade noch gelten lassen! Damit haben sie Lilli Ledig ein Super-Hit-Packet mit den größten Hits der 50-er, 60-er und 70-er Jahre gewonnen! Schalten sie auch morgen wieder ein wenn es heißt: Onanie wie noch nie! Wer macht da Geräusche!”

 

Leider kann man nicht mal mehr an den Stimmen die Sender voneinander unterscheiden. Die sind alle so gleich glatt gebügelt … und vor allem … so austauschbar!

Heißt es bei dem einen Sender “Bongo-Bingo”, nennt der andere das “Bingo-Bongo”!

 

Ho-he-ho!”, singt man beim Berliner Rundfunk, “Ho-he-ho!”, bei r.s.2 und “Ho-he-ho” bei 88,8, “Ho-he-ho-hi!” bei Radio Multi-Kulti!

 

Ein besonderes Highlight sind auch immer die Interviews im Info-Radio!

Hallo Frau Merkel, stimmt es, dass ihr Frisör weiß, was er ihnen jedesmal antut?”

Ja!”

Frau Merkel, ist es richtig, dass auch sie keine Ahnung haben, wie man den Arbeitsmarkt wieder belebt!”

Jenau!”

Frau Merkel, uns ist zu Ohren gekommen, die Agenturen schreiben es, dass die Oposition im Bundestag bei der nächsten Abstimmung GEGEN sie votieren will!”

(mit Zunge im Gaumen:)

Na dats itst ja wohl eine Frechheit!”

 

 

 

Genauso schön sind die Umfragen auf Antenne Brandenburg, wenn es um arbeitsmarkt-politische Fragen geht:

Wie alt bist du?”

(Kinderstimme:)

Fünf!”

Und was willst du werden, wenn du mal groß bist?”

Sechs!”

 

Na, zumindest gibt es noch den “Offenen-Kanal-Berlin”! Dort kann ich, in meiner eigenen Sendung “Okbeat”, endlich mal die Dinge erörtern, um die sich sonst sowieso keiner kümmert, mit zum Beispiel solch sinnigen Fragen wie:

Wie geht’s?

… oder …

Haste das mal gelernt?

… oder …

Warum bist du eigentlich noch nicht berühmt?

 

Aber am allermeisten freut es mich, dass ich auf die unwichtigste Frage des Abends fast immer eine ehrliche Antwort bekomme:

Was hast du im Kühlschrank?

Das interessiert die Leute! Dafür lebe ich! Dafür mache ich Radio! So, genau so macht man Radio!

 

Guten Abend!

 

 

 

 

 

 

 

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