Das Berliner Original

Nix passiert …

In Texte on April 9, 2014 at 12:42 pm

Rolf Gänsrich am 1.2.2006

Die Woche begann ganz harmlos. Noch am Sonntag war ich nicht aus dem Bett herausgekommen. Fernsehen, Schokolade und Schlafen … was für eine günstige Kombination.

Als ich am Montag erwachte, war irgendwie alles anders. Morgens um 8.oo Uhr machte Antje mit mir schluss, eine Stunde später hatte ich von meiner Nachbarin Elke eine Einladung zum Candle-Light-Dinner. Ich wusste nicht, was von beidem schlimmer war.

Aber mein Zehn-Uhr-Termin bei meiner Neurologin ließ mich ersteinmal nicht wirklich zum Nachdenken kommen. Dafür dachte sie für mich. “Das dachte ich mir schon, dass sie noch keine Arbeit haben. Na, die vom Jobcenter sind ja auch doof.”, sagte sie mir, als ich nach gut zwei Stunden Wartezeit, trotz Termin, endlich in ihr Behandlungszimmer durfte.

All zu lange plaudern durfte ich mit meiner Neurologin aber nicht, denn mir saß schon mein 14-Uhr-Termin im Nacken, meine Psychologin, die mich dann auch prompt mit den Worten begrüßte: “Sie sehen heute ja ganz schön schlimm aus!”

…. zum weiterlesen bitte unten drücken …

Da ich nach diesem einstündigen Gespräch vom heutigen Tage genug hatte, begab ich mich umgehend nach hause, legte mich ins Bett, aß Schokolade und sah fern. Schlimmer konnte diese Woche eigentlich nicht mehr werden … glaubte ich.

Der Dienstag war ein schöner Tag. Er war sonnig und so beschloss ich, noch gut gelaunt, Frau Müller im Jobcenter zu besuchen. Ich hatte da mal vor Wochen irgendwelche Unterlagen, genau drei, abgegeben und nur auf eine Sache hatte ich bisher eine Antwort. Als erstes sprang das Auto, dass ich schon seit einer Woche nicht mehr benutzt hatte, nicht an. Offenbar die Batterie im Eimer. Bei der Saukälte der letzten Tage kein Wunder. Beim öffnen der Motorhaube stellte ich dann aber fest, dass auch noch der Kühler geplatzt war. … Dabei hatte ich doch Antje , schon vor Tagen gebeten, in ihrem Wagen, denn es war ihrer, mal nach dem Frostschutz zu sehen.

Na gut, auch mit dem Fahrrad war ich noch um 8.oo Uhr im Jobcenter. Ich weiß nicht … nur bei mir ist die Schlange immer so lang … Buchstabe A – I über 25….! Erst steht man anderthalb Stunden, um im Wartezimmer einen Platz zu ergattern, dann sitzt man dort nochmals eine halbe Stunde, bevor man dann zu einem Fallmanager kommt. Ich wußte auch ohne dem, dass ich noch weiter zur Leistungsabteilung musste, aber die Wege des Amts-Schimmels muss man nun mal mit latschen.

Wie erwartet überwies mich der Fallmanager aus der 1.Etage in die Leistungsabteilung in der 4. Etage. “Sie werden dann dort namentlich aufgerufen!”, sagte er mir noch.

Um kurz vor zehn betrat ich den Wartebereich der Leistungsabteilung und wartete … so wie andere auch. Nach gut drei Stunden wurde ich allmählich darüber stutzig, dass nach und nach immer mehr der Leute aufgerufen wurden, die nach mir angekommen waren. Aber, naja, sowas kann ja mal vorkommen, vielleicht haben die ja auch so ihre speziellen Bearbeiter und ich hoffe doch auch auf meine Frau Müller, dachte ich mir. Gegen 13.30 Uhr sprach ich dann mal eine Amtsperson an, die mir im vorbei gehen antwortete: “Ja, kann schon mal sein, dass hier einer vergessen wird.”

Ach, dachte ich, sowas passiert doch immer nur den anderen. So etwa um viertel nach zwei wurde ich dann doch etwas unwirsch, zumal ich der vorletzte war, der im Wartebereich noch wartete, und auch mein Magen knurrte. Erneut wagte ich mich an eine vorüber eilende Amtsperson heran mit meiner Frage und schon kurz vor 15 Uhr, nach nur sieben Stunden auf dem Amt, konnte ich mein Problem einer Amtsperson auch vortragen. Zwischen Fallmanager unten und Leistungsabteilung oben war übrigens wirklich mein Name abhanden gekommen. Man hatte mich vergessen. Vergessen hatte man auch zwei der Unterlagen, auf deren Bearbeitung ich so sehnlichst gewartet hatte. Eines der Dokumente, die ich abgegeben hatte war zwar vorhanden, aber, aus irgendwelchen Gründen auch immer, einfach nicht bearbeitet worden, das andere Dokument fehlte komplett. Aber, sowas passiert ja immer nur den anderen.

Nachdem dies geklärt war, wollte ich eigentlich nur noch nach hause, in mein Bett, fernsehen und Schokolade essen, aber kaum hatte ich meine Wohnungstür endlich hinter mir geschlossen, als auch schon meine Nachbarn Udo und Bettina bei mir läuteten. Sie hatten etwas merkwürdiges in der Betriebskostenabrechnung vom letzten Jahr durch unseren Vermieter festgestellt und fragten nach, ob wir das mal zu dritt nachrechnen könnten. Die halbe Nacht schlugen wir uns damit um die Ohren, zu begreifen, warum die Leistungen, die der Hausmeister erbracht hatte, immer zweimal abgerechnet wurden. Selbst wenn man die doppelte Buchführung mit bedachte, wurde der Hausmeister immer zweimal abgerechnet. Außerdem kamen wir übereinstimmend zu dem Schluss, dass irgendwer in den letzten zwei Jahren klammheimlich 500 Quadratmeter Wohnfläche geklaut haben musste. Ende 2003 waren die noch da, ende 2004 plötzlich nicht mehr, … wodurch sich die Betriebkosten ja anteilig, umgerechnet auf die Wohnfläche jedes einzelnen natürlich erhöhten. Alles klar?

Genervt von diesen zwei Tagen, an denen nix passiert war, wollte ich am Mittwoch nur mal schnell um die Ecke zu Penny, ein paar Schnitzel und Schokolade holen, um den Rest des Tages mit Schokolade im Bett vor dem Fernseher zu verbringen.

Ich legte mich mit der Verkäuferin an der Kasse an. Ich war der Meinung, ich hätte ihr einen größeren Geldschein gegeben, als den, auf den sie mir herausgab. Nun wollte ich mich mit der Dame auch nicht bis auf’s Messer streiten und gab schließlich klein bei, allerdings merkte ich dann zu hause, dass ich doch im Recht gewesen wäre.

Als ich meine Einkäufe dann auspackte und die Schnitzel aus dem SB-Karton entfernten wollte, merkte ich, dass das Mindesthaltbarkeitsdatum der Packung schon seit gut drei Wochen abgelaufen war. I-i-ihh Ekelfleisch! Fleisch, das schon wieder lebte, hatte ich bislang noch nie gegessen und hatte es auch nicht vor, jemals zu tun, obwohl sicherlich Maden auch eine gewisse Eiweißquelle darstellen.

Um es kurz zu machen, am Donnerstag versöhnte ich mich wieder mit Antje, die sich beim Treppen steigen am Mittwoch ein Bein gebrochen hatte, am Freitag besuchte ich, nach einem Verkehrsunfall meinen Papa im Krankenhaus, am Samstag brannte es im Nachbarhaus in einer Wohnung, in der vorher jemand umgebracht worden war… die Polizei suchte Zeugen, und am Sonntag gab mein Fernseher seinen Geist auf.

Als ich am Montag wieder bei meiner Psychologin aufschlug, schlug die die Hände über dem Kopf zusammen: “Sie sehen ja schrecklich aus! Was ist denn los bei ihnen?”

Ach”, sagte ich, “eigentlich ist letzte Woche nix passiert!”

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