Das Berliner Original

Lassies Geist

In Texte on Oktober 14, 2013 at 5:03 pm

Lassies Geist
Rolf Gänsrich 8.2.09

Ich habe mir vor einiger Zeit, aus rein sentimentalen Gründen, die erste Staffel „Lassie“ auf DVD gekauft.
Sechzehn Folgen in Schwarz/Weiß, davon alle synchronisiert, aber nur die Hälfte damals im deutschen Fernsehen gelaufen. Gedreht 1958, ausgehendes Eisenhower-Zeitalter. Nikita Chrutschtschow gerade an der Macht, kalter Krieg in den Medien, der erste Sputnik soeben gestartet und „Rock’n Roll“ hielt man noch für eine Krankheit.
Im Süden der USA volle Apartheit. Das muss man wissen, um zu verstehen, warum diese Serie so gedreht wurde, wie sie gedreht worden ist. Sie hatte als Zielgruppe die gutbürgerliche Mittelschicht im mittleren Westen der USA.

Das damals absolut revolutionäre an der Serie war, dass sich in „Lassie“, einer Kindersendung, offen „Ma‘“ und „Pa‘“ mitten im Bild küssten …. und dabei manchmal auch noch rangezoomt wurde!!!
Das die Tiere, die verwendet wurden, mit äußert brutalen Methoden „dressiert“ wurden, merkt man, kann es aber nicht mehr ändern. Tierschutz gab es damals nunmal noch nicht.

Und so liefen die fünfundzwanzig Minuten langen Folgen ab:

Aufblende! „Pa“, von den anderen Erwachsenen „Paul“ genannt, bastelt an irgendeinem landwirtschaftlichen Gerät herum, einem Trecker, einer Wasserpumpe oder einem zweiten Trecker.
Erstaunlicher Weise ganz ohne dabei schmutzige Hände zu haben. Wenn er zufällig doch einmal im Laufe einer Folge schmutzige Hände bekommt, spühlt er sich selbst hartnäckigstes Motorenöl einfach nur mit fließendem Wasser ab. All seine Hemden und Hosen, er trägt aber nie eine Arbeitshose, sind immer frisch gewaschen, frisch gebügelt und frisch gestärkt.

Sohn Timmy taucht nun auf. Timmy soll angeblich mindesten neun Jahre alt sein, wirkt aber von der Größe her eher wie ein fünfjähriger. Natürlich ist Timmy blond und hat gleichfalls tadellos, makellos frische Wäsche an. Die Synchronstimme lässt ihn ein absolut fehlerfreies, überdeutliches, sehr gestelztes Deutsch reden. Timmy hat ein Problem und erzählt das seinem Vater.

Lassie, tadellos gebürstetes Fell, kommt Schweif wedelnd dazu.

Nun erscheint auch „Onkel Petry“, von dem man annehmen darf, er sei Timmys Opa, er wird aber ständig nur „Onkel Petry“ genannt.
Onkel Petry trägt erstaunlicher Weise eine Arbeits-Latzhose und einen Strohhut.
Seine Klamotten sind dennoch tadellos gebügelt und porentief rein.
Onkel Petry macht auf dem Hof die niederen Arbeiten, die anfallen, weshalb man ihn ständig beim Füttern von Hühnern, Schweinen, fremden Miezekatzen oder zugelaufenen Rehkitzen sieht. Manchmal streicht er auch gerade irgendein Objekt, weshalb er dann einen Malerpinsel und einen Farbtopf während einer ganzen Folge in die Hand bekommt und nun beides sinnlos von rechts nach links und von links nach rechts trägt.
Onkel Petry ist so der Dusselkopf der Serie, währenddessen man Lassie schon in der ersten Szene anmerkt, dass sie über alles bestens bescheid weiß und sich fragt, warum man die Folge nicht gleich nach ein paar Minuten beenden kann.

Als Timmy sein Anliegen losgeworden ist und alle, auch Lassie, ihn mitleidig anschauen, betreten alle das Haus durch die Küche, in der „Ma“ oder „Ruth“, je nach Standpunkt, voll im arbeiten ist.
Ruth hat makellos glatte Hände, lakierte Fingernägel, eine tadellose Frisur, Zahnpastalächeln und für alles Verständnis.
Sie läuft immer in Hackenschuhen herum. Auch ihre Kleidung ist gestärkt und garantiert ohne jeden Makel.
Sie ist stolz auf ihre Hausarbeit und auf ihre Kochkünste. Ganz selten sieht man sie auch Hühner auf dem Hof füttern.

Nun wird auch „Ma“ gefragt, die aber ihren Rat mit den Worten beendet: „Aber das wisst ihr Männer ja besser, als ich.“

Timmy stürmt nun hinaus auf den Hof, oder in den Wald ringsum oder er trifft sich mit seinem besten Freund Boomer.
Boomer ist etwa zweieinhalb Köpfe größer als Timmy, hat einen fetten Schwabbelbauch und spricht auch gestelztes Hochdeutsch.
Boomer ist gutmütig, aber ein bisschen doof, so wie Dicke es nun einmal sind.

Beide, Timmy und Boomer, unternehmen etwas.
Dabei geschieht das unvermeidliche, große Unglück!
Sie werden von Marienkäfern angefallen, kriechen in eine alte Scheune, deren Tür plötzlich durch einen Windstoß für immer verriegelt ist oder sie finden ihre Lehrerin, die auf einem Feldweg beim Vögel beobachten umgeknickt ist und nun nicht mehr laufen kann.

Der nun folgende Dialog läuft in jeder Folge gleich ab:
Timmy: „Wir müssen meinen Pa holen.“
Boomer: „Dann müssen wir jetzt deinen Pa holen.“
Timmy: „Nur mein Pa kann uns da helfen!“
Boomer: „Na, dann muss uns wohl dein Pa helfen.“
Timmy: „Lassie, kannst du Pa holen?“
Boomer: „Ja, Lassie, kannst du Timmys Pa holen?“
Timmy: „Los Lassie, lauf!“
Lassie rennt daraufhin sofort los.

Erst jetzt versuchen beide Jungen sich selber zu helfen.
Timmy: „Ach, wenn wir doch nur einen Ast hätten.“
Boomer: „Ein Ast, der könnte uns jetzt helfen!“
Timmy: „Dann gehen wir mal schnell einen Ast suchen.“
Boomer: „Gut, wir holen jetzt einen Ast.“
Beide rennen nun los.

Lassie galoppiert unter dessen über weite Felder, huscht durch Gebüsche, springt über Zäune, durchwaatet Sümpfe, durchschwimmt Bäche, rennt über Feldwege und weite Flure bis sie schließlich am Farmhaus anlangt.
Weil sie ständig wedelt und „Pa“ wegziehen will oder Onkel Petry oder „Ruth“, folgen sie nun Lassie. Dazu benutzen sie meist ihr Auto, so einen Dodge mit offener Pritsche hinten.

Revolutionär für die damalige Zeit: auch „Ma“ darf gelegentlich das Auto fahren. Selbst den Chevrolet, den Chevi mit den großen Heckflossen, der für die Fahrten bei Szenen ins Dörfchen Calverton gebraucht wird, darf „Ma“ manchmal auch alleine fahren!

Nun geht alles ganz schnell! Lassie düst vorn weg, der Dodge mit den drei Erwachsenen düst hinterher und man befreit die beiden Jungen aus ihrer misslichen Lage.

Timmy: „Aber ohne meine Lassie, hätten wir das nie geschafft.“
Boomer: „Ja, deine Lassie ist ein toller Hund.“
Timmy: „Meine Lassie ist der beste Hund der Welt, nicht wahr, Pa?“
Und „Pa“ nickt und sagt: „Ja, Timmy, was haben wir für ein Glück mit unserer Lassie.“
Onkel Petry: „Deine Lassie, Timmy, nicht wahr, ist die Beste.“
Und „Ma“ küsst ihren Paul und sagt: „Das Essen ist fertig! … Auch für dich, Lassie!“ … Abblende.

So schön kann Fernsehen sein. Jede Folge in sich geschlossen, der Handlungsfaden vorhersehbar und alle Probleme auf der Welt werden allein durch Lassie beseitigt.

Ich will auch so’n Hund!!!

…………………………………

http://de.wikipedia.org/wiki/Lassie

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