Das Berliner Original

Langeweile … ?

In Texte on September 30, 2013 at 8:31 am

Langeweile
Rolf Gänsrich am 18.11.06

Wie immer, wie schon seit Jahren, klingelt der Wecker morgens um sieben und wie immer stehe ich darum halb auf, gebe ihm eine Klatsche auf’s Dach und kuschel mich nochmals in die warmen Federn. Der Traum eben von Tina, Sabine und Katchen war so süß … …. … Ich versuchen einen Anschluss zu finden, gleite aber nur weg in die Dunkelheit.
Um kurz vor acht weckt mich der Lärm der Bauarbeiter im Haus. Mühsam und schlaftrunken reibe ich mir die Augen, quäle mich aus dem Bett und schlurfe zum Aquarium. Als ich dessen Licht anmache, blendet es mich und ich flüchte erneut in mein Bett. Mit offenen Augen liege ich im Halbdunkel, lausche und sinne. Die Belüftung des Aquariums flattert regelmäßig. Vor dem Haus hört man einen Bauarbeiter fluchen. Spatzen balgen sich auf meinem Fenstersims lautstark um ein paar Krumen Vollkornbrot, die ich gestern dort gestreut habe.
Was wollte ich heute eigentlich so machen? Vormittags? Ach, war wohl nicht weiter wichtig. Und nachmittags? Was kommt heute überhaupt im Fernsehen? Um in die Programmzeitschrift zu sehen, müsste ich aufstehen …
So gebe ich mir einen Ruck, wälze mich aus den Kissen und habe bereits mit einem Blick in diese Zeitschrift erhascht, dass sich das Fernsehen auch heute nicht wirklich lohnt. Immer das gleiche: doofe Casting-Shows, uralter Tatort und das ZDF bringt heute zur Abwechslung auch nur mal wieder “Volksmusik”.
Ich schlüpfe in das T-Shirt von gestern, entsorge auf dem Weg zum Bad Unterhemd, Schlüpfer und Socken in der Waschmaschine, gehe erst aufs Klo, mache mir dann in der Küche warmes Wasser für die Rasur, putze Zähne, reibe meinen Oberkörper mit Lappen und lauwarmem Seifenwasser ab und betrachte schließlich mein Gesicht ausgiebig im Spiegel. Also dieses eine Nasenhaar war gestern noch nicht! Ich bin mir sicher! Mit einer Pinzette und unter umständlichen Verrenkungen zupfe ich genüßlich.

Es ist bereits neun als ich mich, noch immer nur mit dem T-Shirt von gestern bekleidet, in meinen Fernsehsessel fallen lasse. Nachrichten schauen ist immer wichtig. Mönsch Kay-Sölve Richter sieht an diesem Morgen aber wieder knackig aus … Nach “heute” mache ich einen Abstecher zum Aquarium. Volkszählung ist angesagt. Alles lebt, alles schwimmt und ist schon wieder hungrig. So patsche ich zum Kühlschrank, taue einen Würfel Cyclopia in einem halben Joghurtbecher Wasser auf und füttere die hungerigen Mäuler. Allmählich meldet sich nun auch mein Magen und ich beginne, mir den Frühstückstisch zu decken. Endlich entsorge ich nun auch das T-Shirt von gestern, kleide mich in der Kammer an, nebel mich im Bad mit Deo ein, mache das Bett, zerre die Jealousien nach oben, öffne die Fenster, starte die Waschmaschine, lege die Wäsche von gestern zusammen, gieße meinen Gummibaum und besprühe den Farn. Wenn man genügend Zeit hat, wird selbst das Kaffeekochen zu einer äußerst umständlichen und wichtigen Tätigkeit. Ich mahle die ganze Bohne von Hand auf feinster Stufe. Knapp zwanzig Minuten brauche ich dafür. Zwanzig Minuten, in denen es nichts anderes, wichtigeres zu tun gibt, als meinen handgemahlenen Kaffee!

Es ist schon um zehn, als ich mich wieder im Sessel niederlasse, frühstücksbereit, während mir Kay-Sölve erneut das neueste aus aller Welt erzählt. Noch vor dem ersten Bissen lese ich nun im Videotext noch Regional-Nachrichten, Horoskop und Kalenderblatt. Als schließlich der Kaffee kalt genug und trinkbar ist, beginne ich endlich zu speisen.
Das zieht sich, denn man soll ja sein Essen nicht schlingen.

Zum ersten Male an diesem Tag mache ich in der Küche meinen Abwasch. Die Wäsche ist nun auch schon fertig und wird gleich aufgehängt. Verstohlen schaue ich zum Schreibtisch, über dem ein großer Zettel prangt: Meine Arbeitszeit 9.oo bis 16.oo Uhr! Doch davon lasse ich mich nicht einschüchtern. Das Wetter scheint ja wohl heute ganz schön zu sein. So schlendere ich auf den Balkon, spüre warme Sonnenstrahlen und zu kaltes Lüftchen. Brrr, ist das kalt! Eine Inventur im Kühlschrank ergibt, dass die Margarine heute sicher noch reicht, aber es schadet auch nichts, wenn ich schon Nachschub hole. Jogginghose wird gegen Jeans getauscht, Schlabber-T-Shirt gegen “ein ordentliches” und mein Kinn tunke ich auch in eine Hand voll Rasierwasser. Schon geht es los.

Am Zeitungskiosk das übliche Gespräch: “Hallo Meister, wie geht?” “Jut Chef! Und selber?” “Bestens!” “Wie imma?” “Klar doch.” Ich zahle und bekomme mit der Zeitung gleich noch eine Hand voll Werbung für Autoversicherungen, Kapitalanlagen und Möbelhäuser. Ich setze meine Runde fort. Beim Türken erstehe ich eine Hand Bananen, das Kilo für nur 50 Cent, die auch wie 50-Cent-Bananen aussehen, aber für meinen Entsafter genügen. Bei Plus kaufe ich Parmesan, bei Aldi meinen Bergkäse, bei Netto die Gummibärchen und bei Norma endlich auch die nötige Margarine und ein tiefgefrohrenes Fertiggericht für nur 1,39 €uro.

Mittlerweile ist es warm geworden. Liegt es daran, dass ich mich bewegt habe oder daran, dass es längst Mittagszeit ist? Ist es bereits Mittag? Scheint wohl so, denn vor der Würstchenbude auf der anderen Straßenseite stehen die Leute. So setze also auch ich mich im angrenzenden Park auf eine Bank, lese die Werbung und überfliege die Zeitung. Heidi Klum ist SCHON WIEDER schwanger! Bockt die mit ihrem Seal nur noch rum?
Ich werde aus meinen Gedanken gerissen, weil plötzlich irgendwer vor mir steht. “Hey Udo, was machst’n du hier?” “Spazieren gehen!”, bekomme ich zu hören. Udo hat wohl keine Zeit, sagt er, deshalb erzählt er mir ausgiebig, dass sein Kater seit gestern harte Knödel kackt, dass er neulich Tina getroffen hat und mich letzte Woche im Radio hörte und schon zischt er wieder davon.
Mein Magen grummelt und so mache ich mich endlich auf den Heimweg. Spannende Frage: War denn die Post schon da? Im vorbeigehen grüße ich den Döner im Vorderhaus, schlendere aber doch noch die Straße hoch zu Marie. Kleiner Small-Talk von zehn Minuten wegen der guten Nachbarschaft. Schließlich doch noch zurück. Im Erdgeschoss, beim Briefkasten öffnen, wieder nur Werbung und Rechnungen, begegnet mir ein grinsender, staubiger Bauarbeiter. “Na Chef, wieder fleißig?”, frage ich und bekomme ein “Na logo!” zurück.

In meiner Wohnung angelangt verstaue ich die Einkäufe bis auf das Fertiggericht. Da muss ich erst die Bedienungsanleitung lesen: “Entfernen sie den Deckel und legen sie die Schale für fünfunddreißig Minuten auf der mittleren Schiene ihres, auf 180° Celsius vorgeheizten Backofens.” Und wie immer in diesen Fällen ärgere ich mich! Was, zum Teufel, sind 180°C in meinem Backofen? So entzünde ich das Gas, schließe die Ofentür, drehe den Hahn auf Stufe vier bis fünf, starte dann im Wohnzimmer meinen Computer, lege bei meiner Rückkehr in die Küche die Menüschale in den Ofen und stelle auf der klingelnden Küchenuhr vierzig Minuten ein.

Nun, endlich geht es los! Der Computer ist hochgefahren und hat sich noch nicht einmal aufgehängt. Der scheint heute seinen guten Tag zu haben. Schnell logge ich mich im Internet auf meiner E-Mail-Seite ein. Na, immerhin, vier Mails bis heute, darunter eine dringende. Micha von der Zeitung! Als ich öffne, lese ich: “Hi Rolf, kannst du mal deinen Artikel nochmal kurz überfliegen? Wir mussten ihn leider etwas kürzen.” Ich öffne den Anhang, überfliege, ändere drei Worte und schicke zurück. Ausloggen, Blick auf die Eieruhr …. mh, noch zehn Minuten. Zu wenig, um noch etwas richtiges zu beginnen, zu viel, um nur Fische zu füttern. Deshalb starte ich eines der Spiele und bin für wenige Augenblicke “Commandante” auf einer Karibik-Insel. Ich errichte ein Wohnhaus sowie eine Ziegenfarm und eliminiere den Chef der örtlichen Opposition. Endlich klingelt die Küchenuhr! Mir klappern schon die Schläuche. Ich beende das Spiel und kümmere mich um mein Mittag. Mit Esswerkzeug und Teller bewaffnet versinke ich im Sessel vor dem Fernseher. Die “heute”-Moderatorin hat gewechselt. Anja Charlét unterrichtet mich über das Neueste aus aller Welt, während mein Essen auf verzehrbare Temperatur abkühlt. Kein Wunder, dass ich Hunger habe! Mittlerweile ist es nämlich schon nach 16 Uhr!

Endlich ist es geschafft! Das Mittagessen, die Hauptmahlzeit des Tages, ist vertilgt und … macht müde. Die Couch ist nicht weit. Während auf “Kabel 1” Raumschiff Enterprise in unentdeckte Galaxien startet, träume ich beim leise gestellten Fernsehton von romantischen Abenteuern mit Counselor Troi. Der Beginn der letzten, laut dröhnenden Werbepause, weckt mich. Wie schon einmal an diesem Tag, verbringe ich einige Minuten damit, mir eine Hand voll Kaffeebohnen zu mahlen.
Der Becher Kaffee ist genau in dem Moment fertig, als im RBB die 17-Uhr-Abendschau beginnt, meiner wichtigsten Informations-Sendung am Tage. Nach dem Wetterbericht zappe ich wieder zum ZDF und komme gerade noch rechtzeitig dazu, mir von Yvonne Rannsbach in “Hallo Deutschland” erklären zu lassen, warum Heidi Klum denn nun schon wieder schwanger ist.
So richtig mag ich mich zwar vom Fernseher nicht trennen, aber dies wäre jetzt eigentlich ein guter Zeitpunkt, mir aus den Billig-Bananen von heute und den preiswerten Äpfeln von gestern einen schönen Liter frisch gepressten Saftes zu machen. Und schon werkle ich für die nächste halbe Stunde wieder in der Küche. Ich schneide Bananen, entkerne Äpfel, schäle eine Zitrone, und schließlich, als der Saft endlich in einer Karaffe schimmert, mache ich meinen zweiten Abwasch am Tag.

Auf dem Bildschirm meines Computers flattern indes noch immer irgendwelche Fenster sinnlos vor sich hin. Ich kann das von der Küche aus sehen!
Endlich, endlich setze ich mich nun auch zum Arbeiten an den PC. Die ganzen Vorabendserien im Fernsehen sind eh nur Dreck. Ich suche mir die Text-Datei, an der ich zuletzt gearbeitet habe, lese und versinke sofort in dumpfes brüten:
“Sie war zu ihm gekommen und sagte …” … mh … Was sagte sie denn nun? Die kann doch nicht gleich was zu ihm gesagt haben. … mh … Ich ändere in: “Sie war zu ihm gekommen, zog ihre Jacke aus, legte sie übers Bett …” … übers Bett? Jetzt schon?
Ich verliere die Lust, gehe aus dem Programm und quäle noch ein paar Siedler, bevor mir auch dies zu langweilig wird. Kurz nach 20 Uhr komme ich auf die glorreiche Idee, mich ans Telefon zu schwingen, um schnell mal Tina anzurufen. Tina hat Arbeit, also noch einen Job und so kann sie mir ausführlich erzählen, was ihr Chef heute gesagt und getan und was der Azubi alles nicht getan hat.

Der Abend zieht sich und es ist bereits halb zehn, mittlerweile habe ich als Commandante weitere Oppositionelle gekillt, als ich mir den Abendbrot-Tisch decke. Dieser steierische Bergkäse ist aber auch immer und immer wieder lecker, stelle ich fest.
Was folgt ist die letzte Runde für mich. Fische füttern, PC runterfahren, in der Küche einen Becher mit Müsli füllen, mir den an die Couch stellen, alles Licht aus, alle Türen zu und nun nur noch der Fernseher, mein Müsli und ich. Im halbschlaf bekomme ich auf der Couch liegend per ARD-Nachtmagazin und Anja Bröker mit, dass Heidi Klum wieder mal schwanger ist. Bevor ich ganz wegdrusel, ziehe ich mich aus und wechsle ich nur noch das schnell das Schlafmöbel. Während mich der Schlaf einlullt frage ich mich auch heute wieder, so wie fast jede Nacht seit Jahren: Junge, was hast du heute eigentlich den ganzen Tag lang gemacht?

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