Das Berliner Original

Rohrbruch

In Texte on Mai 23, 2013 at 4:36 pm

Machen wir gleich …

Ich dachte ja immer, das Lied von Otto Reutter und Peter Frankenfeld, von dem gewissenhaften Maurer, der mühsam innerhalb eines Tages eine Leiter erklimmt, um mitten im Feierabend, dann doch endlich einen Stein zu setzen, sei übertrieben. Wie heißt es da so schön, während der Maurer frühstückt, Carbonade trinkt, mit seiner Frau schwatzt, Mittagspause macht und auf’s Klo rennt: “Nun fangen wir gleeeeiiiiich an!”

Auch Reinhardt May’s Song “Ich bin Klempner von Beruf” hielt ich für unhaltbar! Immerhin ist mein Bruder Klempner und ich weiß, wie der den ganzen Tag lang ackert! … Und auf meine Keule (Bruder) lasse ich nichts kommen! Zudem dachte ich, in Zeiten von Massenentlassungen müsse jeder froh sein, überhaupt noch Arbeit zu haben und so könne man sich Schluderei auf dem Bau, zumindest bei deutschen und regulären Arbeitskräften, nicht mehr leisten.

Aber irgendwie hatte ich da wohl falsch gedacht! Währe ich doch nur ein Cowboy! Die lassen denken … von ihrem Pferd!

Seit man vor einem knappen Jahr, Anfang September 05 begann, das Haus in dem ich wohne, einzurüsten, seitdem habe ich mit Handwerkern viel Spaß! Es ist ein wirkliches Abendteuer, echte Handwerker zu beobachten! Naja, man sieht sie so selten und wenn, dann nur bei nichthandwerklichen Tätigkeiten wie Skatkarten stemmen, Bierflaschen versenken oder beim Mieter vollpöbeln! Manchmal findet man auch Spuren im Treppenhaus von ihnen! “Großer Manitu sagen: hier ist weiße Spur von großem Maurer! … Und sieh, hier er machen kehrt und gehen zurück! … Und dies sein Fährte von junger, geiler Sqaw! Hugh!”

Ich muss mal meinen Vermieter, die Schneider Holding fragen, ob die schon mal mit ihren eigenen Augen ihre selbst angeheuerten Handwerker gesehen haben! Würde mich wundern!

Hin und wieder sieht man auch weiße Kalkwolken irgendwo hervorquellen oder es knirscht zwischen den Zähnen, nachdem man den Hausflur passiert hat, … dann weiß man, sie waren wieder da …. die Maurer der Schneider Holding!

Erstaunlicher Weise hört man die Bauarbeiter aber immer wieder mal! Das ist wie mit Läusen: man sieht sie selten, aber man weiß, dass sie da sind!

Ich weiß nicht! Habe manchmal den Eindruck, die arbeiten nur wegen der Zuschläge!

Grundsätzlich ist in der Woche Lärm morgens von sieben bis acht, am Samstag von 13.00 – 15.00 Uhr und Sonntags von acht bis neun!

Ich muss mal meine Bekannte Sadie aus Michigan fragen, wie in den Staaten gearbeitet wird! In den USA ist sowieso alles besser! Vielleicht sollte ich auswandern … und in Detroit eine Baubude aufmachen, die von sechs bis sieben lärmt und staubt!

Neulich abend tropfte es irgendwo in der Küche! Ich hörte es nur und sah es nicht! … Wie bei meinen Maurern! … Der Wasserhahn war es nicht! Und so wurde ich immer unruhiger! Als ich schließlich kurz vor dem Schlafen gehen meine Kaffeetasse abspühlte, machte es ganz plötzlich unter dem Spühlbecken in der Küche, Plopp-Plopp, schon kam mir dreckiges Leitungswasser aus dem Spühlschrank entgegen geschwappt und strudelte um meine Füße! Vor lauter Schreck machte ich einen Satz nach links, glitt aber auf dem, von Wasser schon vollgesogenem, Läufer aus und setzte mich auf den Stietz! Das war es also! Der Abluss meiner Spühle hatte geleckt!

Als umsichtiger Mieter denkt man ja kostenbewußt und so verkniff ich es mir, mitten in der Nacht, abends um elf, noch den Notdienst anzurufen. Allerdings erwachte ich, unruhig, am nächsten Morgen schon sehr zeitig. Nach Schnellfrühstück und Katzenwäsche im Bad informierte ich punkt sieben Uhr meinen Vermieter:

(Verstellte Stimme) “Ja? Machen wir gleich! Sie sind heute den ganzen Tag lang zu hause? Prima! Wir schicken ihnen umgehend jemanden vorbei!”

Von da an hörte ich die nächsten zwölf Stunden nichts mehr von meinem Vermieter! Mich erstaunte, dass man an diesem Tag auch keinen Handwerker hörte. Der übliche Presslufthammer “I-i-i-woing – I-i-i-woing” fehlte gänzlich! Erst Abend um acht, ich war mittlerweile leicht ungehalten wegen der sinnlosen Warterei, rief ich meinen Vermieter an. Der Anrufbeantworter versicherte mir, dass man sich gleich um mein Anliegen kümmern würde und ich solle doch meine Telefon-Nummer angeben!

Bereits am nächsten Tag gegen sechzehn Uhr lief mir auf dem Hof unseres Hauses, ich kam gerade vom nächsten Supermarkt, um Vorräte für weitere Wartetage in meiner Wohnung zu erstehen, ein Bauarbeiter über den Weg. Er machte einen sehr eiligen und gehetzten Eindruck, als sei die Mafia oder die Polizei hinter ihm her, was wohl sicher in der einen oder anderen Form stimmen mochte. Ebend Richard Cimble auf der Flucht!

Ja, ja!”, stammelte er atemlos, “Wir wissen bescheid! Ich komme in ein paar Minuten zu ihnen hoch!”

Hocherfreut ob dieser unerwarteten Wendung meines Schicksals, erklomm ich die drei Etagen bis zu meiner Hütte im Laufschritt, verstaute eiligst die Einkäufe, öffnete die Türen des Spühlschranks und postierte mich schön dekorativ nahe der Wohnungtür, um im entscheidenden Moment nur noch die Tür zu öffnen.

Als mir nach einer Stunde das linke Bein einschlief, beschloss ich, mir doch schnell einen Cappuccino zu machen. Aber genau in diesem Moment rumorte irgendetwas im Hausflur und so wechselte ich nahe der Wohnungstür nur mein Standbein.

Gegen zwanzig Uhr, nach nur vier Stunden Warterei neben der Tür, rief ich, leicht entnervt, meinen Vermieter an. Der Anrufbeantworter versicherte mir, dass man sich gleich um mein Anliegen kümmern würde und ich solle doch meine Telefonnummern für den Rückruf angeben und spenden könnte ich für meinen Vermieter, die Schneider Holding, auf ihr entsprechendes Konto bei der Sparkasse, eine Spendenquittung könne aber, aus verständlichen Gründen, nicht ausgestellt werden.

So vergingen erst Wochen, dann Monate. Alle zwei Tage traf ich einen eiligen Handwerker an, der mir versicherte, dass er sich umgehend um meine kaputte Abwasseranlage in der Küche kümmern würde, er wisse bescheid und allabendlich informierte ich den Anrufbeantworter meines Vermieters darüber, dass die Reparatur noch immer nicht durchgeführt sei!

Als mir schließlich eines guten Tages in irgendeinem späteren Jahr alles zuviel wurde, zog ich an den Lake Michigan zu meiner Bekannten Sadie! Das Wasser dort ist viel angenehmer, als in meiner Küche! Und vor allem lärmt und staubt Sadie nicht so!

 

Rolf Gänsrich am 27.6.2007

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