Das Berliner Original

Textprobe

In Texte on Februar 2, 2013 at 6:26 pm

Erwachet

Rolf Gänsrich am 24.2./5.4.06

Mitten in der Nacht läutete es an meiner Wohnungstür. Ich schreckte aus dem Schlaf. Es läutete erneut. Ein Blick auf die Uhr zeigte mir: halb acht Uhr morgens, also wirklich noch mitten in der Nacht. … Da musste aber jemand einen verdammt guten Grund haben, mich so aggressiv aufzuwecken, denn es läutete nun schon zum dritten mal. Schlaftrunken patschte ich barfüßig über den kalten Laminatboden des Flures und ging an die Wechselsprechanlage. Auf mein gebrummtes “Iss’n?” flöteten zwei blonde Frauenstimmen fröhlich ein: “Erwachet!”

Ja, ja, bin ich schon. Und weiter?”, giftete ich.

Wir möchten mit ihnen über die Evolutions-Theorie sprechen! Können wir zu ihnen rauf kommen?”

Nööö!”, wehrte ich ab, “Ick hab noch nischt an!”

Unten kickerte es: “A-hü-hü-hü! Also so, wie die Natur sie erschaffen hat, ja? … A-Hü-hü-hü!”

Jenau!”, fluchte ich.

Können wir denn so mit ihnen reden?” und ohne eine Antwort abzuwarten, sprachen sie wechselseitig weiter:

Alles begann vor milliarden von Jahren mit dem Urknall …”

Da ich aus den Augenwinkeln sah, dass sich im Zimmer schräg hinter mir etwas bewegte, verließ ich meinen Horchposten an der Tür und eilte ans Bett.

Oh mein Gott! Es bewegte sich! Es lebte! Die Bettdecke wurde zurückgeschlagen, Tina setzte sich auf und gähnte ein: “War’n los?” Wer sagte, dass Schlaf schön mache, irrt. So, wie Tina jetzt aussah, erinnerte sie mich eher an das Märchen von Hänsel & Gretel, … genauer gesagt, an die Hexe. Wirr standen ihre Haare in alle Richtungen, das Make up blätterte …

Schnell schlüpfte ich zu ihr unter die kuschelige Bettdecke, schloss die Augen und erzählte ihr, was vorgefallen war.

Ich erwachte, weil ich ihre Wärme vermisste … und weil das Telefon klingelte. Tina am anderen Ende:

So, kannst jetzt auch aufstehen, ist schließlich schon halb neune. Ich bin schon auf dem Weg ins Büro und weißt du, wen ich unten am Haus getroffen habe? Nein? Zwei junge Frauen, die sich mit irgendjemand über die Klingelanlage unterhielten. Sie sprachen über Amöben und Würmer und solche Dinge.”

Fluchtartig ließ ich den Hörer fallen und eilte an die Wohnungstür: “… Das war das Ende von Triceratops!”, sagte eine der Stimmen. Noch bevor die andere Stimme wieder einsetzte, meldete ich mich: “Danke die Damen, sie haben mir sehr geholfen, aber ihren Wachturm kaufe ich nicht.” “Dürfen wir wiederkommen?” “Ja, ja!”, murmelte ich und stürzte zurück ans Telefon, um das Gespräch mit Tina zu beenden.

Ich hätte diesen Vorfall sicher bald ad Ad acta gelegt, wenn ich nicht einige Tage später erneut früh morgens aus dem Schlaf gerissen worden wäre, weil irgendein Hornochse wie wild die Klingel direkt an meiner Wohnungstür malträtierte. Ich linste durch den Spion an der Tür, was wohl von außen nicht unbemerkt geblieben war. “Erwachet!”, sangen beide. “Ja, ja, moment!”, brummte ich, patschte die zwei Schritte ins Bad, griff mir ein Handtuch und schlang es mir um die Lenden. Dann legte ich die Sicherheitskette der Wohungstür an, öffnete sie nur genau so weit, wie diese Kette es zuließ und lukte durch den Spalt.

Wir sind wieder gekommen!”, sagten beide. Ich nickte sprachlos. “Wir wollen mit ihnen über die Evolutionstheorie sprechen, sagten beide. “Na, denn los!”, sagte ich. “Ich hab aber nicht viel Zeit.”

Es begann alles vor milliarden von Jahren mit dem Urknall. …

Von dem weiteren Vortrag bekam ich nicht mehr viel mit, weil ich damit kämpfte, mein Badetuch am herunterrutschen zu hindern.

Als schließlich Tina eine halbe Stunde später munter wurde, stand ich noch immer fröstelnd, auf dem Laminat im Flur, eisern die Contenance wahrend, mit meinem Badetuch um die Lenden. So froh wie an diesem morgen war ich noch nie, wenn Tina das Bett verließ. Artig bedankte ich mich bei den beiden Damen auf dem Flur. “Ich muss denn jetzt auch los!” “Können wir ihnen denn ein Buch von Charles Darwin verkaufen?”, fragten sie enttäuscht nach. “Nee, heute nicht.”, gab ich zu verstehen.

Die beiden Damen hingegen hatten mich wohl falsch verstanden.

Schon am nächsten Morgen standen beide erneut vor meiner Wohnungstür. “Es begann alles vor milliarden von Jahren mit dem Urknall. …”

Allmählich gewöhnte ich mich an beide Besucher. Tina stand dadurch immer früher auf, gesellte sich schließlich, halbnackt, auf dem Flur zu uns, reichte allen Getränke, stellte für uns alle Campingstühle auf und lauschte täglich eine halbe Stunde dem Vortrag der beiden Damen. Selbst Nachbarn aus dem Haus kamen schon bis auf unseren Treppenabsatz, weil es sich herumgesprochen hatte, dass bei uns jeden morgen etwas los sei und brachten Kaffee, Toast und Marmelade mit.

Eines Morgens stand sie direkt vor mir, die süße Kleine, mit den Grübchen in den Wangen. Mit dem Gruß “erwachet” hatte sie mich aus dem Schlaf gerissen! ‘Die könnte mir ruhig öfter mal den Schlaf vertreiben!’, dachte ich.

Ich möchte mit ihnen über die Evolutionstheorie sprechen!”, sagte sie. Da wurde ich richtig wach! Natürlich stand die Kleine nicht neben meinem Bett, aber, verdammt, heute wollten meine Eltern hier vorbei kommen. Meine Mutter würde wieder nörgeln: “Nicht richtig abgewaschen, der Staub liegt schon drei Meter hoch, Fenster könntest du auch mal Putzen, nach all den Jahren…. …. …” Und mein Vater würde sich der Nörgelei anschließen mit: “Hast du noch immer keine Arbeit! … Das IKEA-Regal hätte ich schon längst zusammengeschraubt. … Das Licht im Bad flackert. …” Und auf einmal wusste ich, was ich zu tun hatte!

Kurzerhand lud ich die beiden Evolutions-Theoretiker für den Nachmittag in meine Wohnung ein, zufällig zur selben Zeit, wie meine Eltern.

Meine Eltern hatten meine Wohnung kaum betreten, als sie von den beiden Damen, bei Kaffee und Kinder-Erstickungskuchen über Darwin aufgeklärt wurden. “Es begann alles vor milliarden von Jahren mit dem Urknall. …” Nach nur einer Stunde und ohne irgendwelche Bemerkungen über meine Wohnung gemacht zu haben, gingen meine Eltern freiwillig … und das, wo der Vortrag doch erst richtig interessant wurde, denn die Amöben vermehrten sich erst jetzt! Als Tina vom Einkauf kam, waren wir schon bei den Makaken.

Trotzdem wir auch dieses mal nicht bis zur Entstehungsgeschichte des Menschen gekommen waren, bedankten sich beide wieder bei mir. “Sie lassen uns unseren Vortrag immer so schön üben!”

Irgendwann kamen Journalisten von Film, Funk und Presse morgens mit auf den Treppenabsatz oder Nachmittags zum Komplettvortrag in meine Wohnung. Seitdem wird über Einstein und Darwin, Urknall, Raum und Zeit, Makaken und Triceratops in den Medien berichtet und allmählich glaube auch ich an die Evolutions-Theorie!

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