Das Berliner Original

Entwicklungshilfe (Textprobe)

In Lesungen on Januar 6, 2013 at 12:57 pm

Entwicklungshilfe

Rolf Gänsrich am 16./17.5.06

Ogambo Mumlumba trat einen Schritt zurück und betrachtete kritisch sein Werk. Nunja, ein Kamel würde er dafür nicht gerade bekommen und eine zweite Frau schon garnicht, aber es sollte ja auch nicht schön sein, was er da fabriziert hatte, sondern vor allem einem Zweck dienen. Dabei kam es auf die hier nicht sichtbaren Werte an und die, da war er sich sicher, stimmten hier. Tage, nein über Wochen hinweg hatte er sich um kaum etwas anderes gekümmert, als um dieses Ding. Jetzt stand es da und war so häßlich.

Während er noch immer so seine fast fertige Trommel, bei der nur noch die Bespannung fehlte, betrachtete, betrat seine Frau die Lehmhütte, um ihm sein Essen zu bringen. Bei den traditionellen Gambia-Leuten war es Sitte, dass Mann und Frau in getrennten Hütten wohnten. Nachdem sie sein Kous-Kous in gebührendem Abstand von ihm abgestellt hatte, betrachtete auch sie seine Arbeit.

Ha-ha! Und damit hast du zwei Monde zugebracht? Ha-ha!”, glugste sie. “Ich weiß garnicht, was du hast!”, log er. (SIE:) “Du bist ja noch weniger Wert, als dein nichtsnutziger Bruder! Ich lass mich heute noch von dir scheiden und heirate morgen ihn!” Damit schlüpfte sie gewand aus seiner Hütte, und er hörte sie draußen immer leiser werdend singen: “Eloa wird Häuptlingsfrau! Eloa wird Häuptlingsfrau! Eloa …. ”

Missmutig verließ auch er, ohne einen Happen zu sich genommen zu haben, seine Hütte. Die Finger in einander gehakt und ohne sich seine Eile anmerken zu lassen, schlenderte er, jeden der ihm begegnete freundlich grüßend, dem Rand des kleinen Dorfes entgegen. Von fern hörte er noch immer seine Frau singen: “Eloa wird Häuptlingsfrau! …” Gut, dass er nur eine Frau hatte, mit der wurde man notfalls noch fertig, aber mit zweien … daran wagte er nicht im geringsten zu denken.

Der Pfad schlängelte sich dann am Fluß entlang den Wiesen entgegen. Auf den Sandbänken in der Flußmitte sonnten sich, mit weit aufgerissenem Maul, die Krokodile.

Als er die Wiesen erreichte, musste er nur noch eine dichte Hecke aus abgehackten, dornigen Akazien-Zweigen überwinden. Die kleinen Jungs, die hier die Ziegen des Dorfes hüteten, bemerkten ihn zwar, aber nur der kleine Gando kam, nackt, schwitzend, auf ihn zugerannt.

Ich habe eine für dich gefunden, Fa, die dir gefallen wird!”, rief er schon von weitem. Ogambo nickte bedächtig. Er hatte einen guten Sohn.

Er ließ sie sich ihm zeigen, dann fing er sie ein und während er sie blitzschnell mit seinem Dolch tötete, schickte er ein Gebet zu Allah nach oben.

Ihm opferte er auch das Blut der jungen Ziege. Dann schlug er sie aus dem Fell, gab die Innereien den Hütejungen, brachte das magere Fleisch zur Hütte seiner, sich noch immer eins feixenden, Frau und spannte dann das Ziegenfell zum trocken in der Sonne auf.

Bereits am Abend war es soweit getrocknet, dass er es weiter verarbeiten konnte. Die Öl-Lampe in seiner kleinen Hütte rußte die halbe Nacht lang, dann hatte er sein Werk wirklich vollendet.

Bereits am nächsten morgen bewunderte das ganze Dorf den herrlichen Klang seiner, optisch ach so hässlichen Trommel. Und so trommelte er und trommelte er ….

…………………………………………………………………………………………………………………………………………………

Ich erwachte, weil Tina mich küsste. Das sonst am morgen gewohnte Wumm-wumm-wumm aus der Wohnung schräg unter uns, in der die Asylanten aus Senegal wohnten, fehlte mir heute.

Tina lag in meinen Armen. “Sag mal”, fragte ich “was machen eigentlich die Afrikaner?”

Darauf Tina: “Du, die sind heute unterwegs! Die wollten für deinen Okbeat trommeln!”

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